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REZENSIONEN



Die Stadt der Blinden



Jose Saramago

21.05.07 Was würde mit unserer Gesellschaft passieren, besäße kein einziges Individuum mehr sein Augenlicht? Wie würden sich Menschen in solch einer Extremsituation verhalten? Wie moralisch wären wir dann noch? Was wäre der Mensch wirklich ohne seinen Sehsinn? Was macht das Menschseins aus? Gibt es Gut und Böse? Diese und weitere essentielle Fragen behandelt der Autor Jose Saramago in dem vorliegenden Roman auf ungewöhnliche Weise.


Verfasser der Rezension:
Franziska de Decker

Es ereignet sich in einer Stadt ohne Namen, in einem Land ohne Bedeutung. Ein Mann erblindet, - grundlos, ereignislos, am Steuer seines Auto auf einer belebten Kreuzung. Dann – alles passiert Schlag auf Schlag: Einer Seuche gleich bricht die Blindheit in der ganzen Stadt aus. Die Menschen stehen den Ereignissen ratlos gegenüber und - immer blinder. Die Regierung fasst den hilflosen Entschluss, die Erblindeten in den leer stehenden Gebäuden einer Psychiatrie von den „Sehenden“ abzusondern. Der Zustand der Blinden kommt dem Wahnsinn nun auch immer näher denn als die Zahl der Opfer wächst und das Asyl aus allen Nähten platzt, beginnt die Versorgung zusammenzubrechen: Toiletten laufen über, die Lebensmittellieferungen erreichen sie seltener, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten zu begraben. Die Fassade aus gesellschaftlichen Konventionen stürzt ein. Ungleiche Gruppen bilden sich heraus, unter denen die Stärkeren die Kontrolle an sich reißen und sich zu Richtern über Leben und Tod erheben. An den Rand der Menschlichkeit geraten die Figuren. Und die Blindheit nimmt weiter zu.
Doch unter ihnen befindet sich eine einzige Sehende, wie durch ein Wunder verschont geblieben. Die „Frau des Arztes“ mischt sich unter die Blinden, um bei ihrem Mann zu bleiben und ihm sein fehlendes Augenlicht zu ersetzen. Wird den Blinden mit ihrer Hilfe der Ausbruch aus dem Wahnsinn gelingen?


Erschreckend parabolisch und polemisch schildert José Saramago das Szenario in „Die Stadt der Blinden“ und nutzt geschickt realistische und fantastische Elemente, um den Leser bis ins Mark zu erschüttern. Anonym hält er alles bis hin zu seinen Figuren. Verstärkt wird dieser Eindruck durch seinen außergewöhnlichen Schreibstil, dem es gänzlich an Anführungszeichen fehlt. Es intensiviert die Geschehnisse und das Gefühl, die Ereignisse würden sich überschlagen. Durch diesen Verzicht muss sich der Leser allerdings anfangs etwas eingewöhnen, um dann fasziniert noch tiefer in die Geschichte eintauchen zu können.
Aber zum Glück existiert dieser Hoffnungsschimmer in Gestalt dieser wunderbaren Frau, die tapfer ist und weise. Sie dient dem Leser als Augen und Ohren und steht als Sinnbild für das Gewissen der Menschheit.
Denn gäbe es sie als Repräsentantin für das (gute) Menschsein nicht, würde man sich ängstlich die Frage stellen, was wäre wenn…


Für den Roman, Die Stadt der Blinden erhielt der gebürtige Portugiese (1922 im Alentejo geboren) 1998 den Nobelpreis mit der Begründung, es sei ein auf »ungeheuerliche Art spannendes« Werk. José Saramago

lebt sein einigen Jahren auf Lanzerote, in Spanien.
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