Schriftsteller.de
zurück ZURÜCK

REZENSIONEN



Und Nietzsche weinte



Irvin D. Yalom

06.06.07 Mancher kann seine Ketten nicht lösen, und doch ist er dem Freunde ein Erlöser.
Also sprach Zarathustra


Verfasser der Rezension:
Franziska de Decker

21. Oktober 1882
Dr.Breuer,
ich muß Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Irvin D. Yalom konstruiert in seinem psychoanalytischen Roman die Begegnung des depressiven, menschenscheuen und gesundheitlich schwachen Philosophen Friedrich Nietzsche mit einer bekannten Größe des Wiener Ärztestandes, Josef Breuer, 1882. In ihren Zwiegesprächen ist keinesfalls nur Nietzsche der „Patient“; die Konturen verwischen sich und sie tauschen mehrfach die Rollen („Wir ringen auf sonderbare Weise darum, wer wem die größere Hilfe sein kann“, Dr. Breuer). Als vom Leben bedrückte Menschen sind sie sich in ihrer fatalen Schicksalsergebenheit, ihrer Obsession und Hilfebedürftigkeit gleich und sie suchen nach einem Weg, dass sie von ihrem Leiden erlöst. Im Verlauf der Sitzungen lernen sie, sich nicht bloß in ihr Schicksal zu fügen, sondern es zu wollen, es zu bejahen, - Amor fati- wähle dein Schicksal, liebe dein Schicksal. Doch dafür gilt es erst das zu entzaubern, was in der Erinnerung beider mit einem Nimbus der Perfektion umgeben ist: Die Liebe.

"Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast ebenso unumschränkt wie der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen." (aus Proust, Die Welt der Guermantes)


Großartiges, geniales, erfahrenswertes Beispiel für einfallsreiche Belletristik.
Versehen mit einer Reihe von Aphorismen aus Nietzsches Werken, lernt der Leser überdies einige Kernthesen aus Nietzsches Ideologie kennen.


Irvin D. Yalom, 1931 als Kind russischer Emigranten in Washington geboren, ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Stanford. Er veröffentlichte psychotherapeutische Standardwerke, psychoanalytische Geschichten und Romane.
zurück ZURÜCK
NEU Veranstaltungstipps

  • ÜBERBLICK


    Das finden Sie auf Schriftsteller.de:


Schriftsteller werden