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REZENSIONEN



Wendekreis des Krebses



Henry Miller

25.07.07 Henry Miller, einst verfemter, heute weltberühmter Autor, brach 1934 mit „Wendekreis des Krebses“, alle Tabus der damaligen Gesellschaft. Wegen Obszönität (oder spießiger Gerichtsbarkeit) in den USA jahrzehntelang verboten, feiert Miller das Ego in einer als sinnlos empfundenen, von Heuchelei und Prüderie durchdrungenen, materialistischen Welt. Es ist eines der skandalträchtigsten und zugleich einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts.


Verfasser der Rezension:
Franziska de Decker

Millers Roman liefert eine Momentaufnahme von Paris im frühen 20. Jahrhundert.

Dem geistigen Auge wird eine Tür zur bitteren, ursprünglichen Wirklichkeit geöffnet, zu einer schmutzigen Lasterhöhle, die von gescheiterten Existenzen bewohnt wird und in dessen Gassen Syphilis, Tripper und Läuse nisten.
Hier, im Künstlerviertel Montparnasse ist der Protagonist zu Hause. Ständig auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit, einer brauchbaren Prostituierten oder einem Platz zum schlafen, lässt er seinen Trieben freien Lauf, weiß, dass darauf das Leben basiert und daher nichtig ist.

„Ich finde es köstlich und erfrischend, mich unter diesen Wesen mit ihren lebendigen, atmenden Poren zu bewegen, deren Hintergrund so echt und verbürgt ist wie das Licht selber.“

In dieser Lebenseinstellung spiegelt sich der Kern des „Wendekreises“. In Form eines autobiographischen Tagebuchromans hält Miller sein leidenschaftliches Plädoyer für die ungezügelte Lebenslust, welches ohne Sympathieträger oder dichte Handlung auskommt. Ein Roman, der dem Leser weder Mut zuspricht noch Hoffnung macht.

„… was uns hier geboten wird, ist Fleisch und Blut, Essen, Trinken, Lachen, Begehren, Leidenschaft und Neugier, die schlichten Wirklichkeiten“...der belebende Wert der Erfahrung, der Hauptquelle von Weisheit und Schöpfertum, wird wieder zur Geltung gebracht.“
Anaïs Nin

Sehr atmosphärisch, herrlich authentisch und dadurch in sich stimmig.



Zur Person Henry Miller:

Henry Miller, *26.12.1891 New York †8.6.1980 Pacific Palisades (Kalifornien), dessen Vorfahren Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland eingewandert waren, wuchs im deutschen Viertel Williamsburg in New York auf, sein Vater war Schneider.

Nach abgebrochenem Studium arbeitete er in verschiedenen Berufen, darunter 1920-24 als Personalchef bei der Western Union Telegraph Company. 1930-39 lebte Miller als Bohemien in Pariser Emigrantenzirkeln. Zu seinen engsten Freunden gehörten die Schriftsteller Lawrence R Durrell und Anaïs R Nin.

Hier entstanden seine künstlerisch reifsten Werke, die beiden "Wendekreis"-Romane (1934, 1939) und der Band Schwarzer Frühling (1936) mit Erzählungen. Einen Griechenland-Aufenthalt verarbeitete Miller im Reisebericht Der Koloss von Maroussi (1941), sein kritisches Amerika-Bild schilderte er in Der klimatisierte Alptraum (1945). Miller lebte ab 1947 in Big Sur (Kalifornien).

In den USA durften seine Romane erst in den 1960er Jahren erscheinen. Millers Individualismus und sein surrealistischer Stil beeinflussten Autoren der Beatgeneration wie Allen Ginsberg (1926-97) und Jack R Kerouac.


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