Alice Zeniter

Der Name dürfte den meisten noch nicht geläufig sein. Kein Wunder. Die erste Übersetzung eines Romans der jungen französischen Schriftstellerin ist immerhin erst für diesen Sommer geplant. „Die Kunst zu verlieren“, das im Berlin Verlag erscheinen soll, ist dabei schon der fünfte Roman der französischen Schriftstellerin. Das ist eine ganze Menge, bedenkt man, dass Alice Zeniter Jahrgang 1986 ist. Geboren wurde die Tochter algerischer Einwanderer übrigens in Alençon in der Basse-Normandie, die den meisten wohl, wenn überhaupt, aus dem Urlaub bekannt sein dürfte. Alice Zeniter ist – noch – Doktorandin für Theaterwissenschaften an der Universität Paris III (ja, die haben so viele Unis in Paris, das sie da teilweise einfach Nummern hinten dran klatschen) und lebt in Paris und Budapest, wo sie auch am Theater aktiv ist.

Algerien, Paris, Budapest

Ihren ersten Roman schrieb Alice Zeniter noch während ihrer Schulzeit. Die Geschichte um zwei Mädchen, die mitten im Krieg einen Hund adoptieren und versuchen, sich in den Trümmern eines verwüsteten Landes durchzuschlagen, wurde 2003 veröffentlicht. Seitdem sind vier weitere Romane und eine Sammlung an Kurzgeschichten erschienen, von denen einige auch mit bedeutenden französischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. In Frankreich gilt sie spätestens seit „L´Art du perdre“ („Die Kunst zu verlieren“) als Shootingstar der Literaturszene, wurde sie doch unter anderem für den Prix Goncourt, den bedeutendsten französischen Literaturpreis, vorgeschlagen. Den hat sie nicht bekommen, dafür ist man aber auch hierzulande (endlich!) auf die junge Schriftstellerin aufmerksam geworden und so wird wohl auch die kommende Übersetzung zustande gekommen sein. Wie es weitergeht mit den Büchern der Autorin im deutschsprachigen Raum, wird wohl auch mit den Verkaufszahlen von „Die Kunst zu verlieren“ zusammenhängen. Immerhin ist Literatur auch oder vor allem, je nachdem, wen man fragt, ein Geschäft.

Die Kunst zu verlieren

Das erste Buch von Alice Zeniter, das auf deutsch erscheinen wird, beschäftigt sich auch mit der Biographie der Autorin. Ihre Großeltern waren so genannte „Harki“ oder Verräter*innen, was Algerier*innen meint, die mit der oder für die französische Kolonialverwaltung gearbeitet haben. Dies in Frankreich und unter den Zuwanderer*innen mitunter immer noch sensible Thema bildet den Kern des Romans. Die Protagonistin Naïmi macht sich auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte, über die niemand mit ihr sprechen will. Unter anderem heißt es, der Großvater sei ein „Harki“ gewesen. Dabei sind auch die Lager für die Geflüchteten während und nach des Algerienkonflikts ein Teil des Buches, was insbesondere in Frankreich immer wieder dazu eignet, einige Wellen zu schlagen. Um mehr über die Geschichte der eigenen Familie herauszubekommen, macht sich Naïmi schließlich auf die Reise zurück in die Familiengeschichte und zu den Orten ihrer Ahnen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie die Protagonistin, die sich als ganz normale Französin versteht, mit der eigenen Familiengeschichte umgeht, sondern auch um das Plädoyer für die Möglichkeit, trotz aller Bedingtheiten ganz man selbst zu sein.

Stil

Über die Übersetzung kann hier nicht viel gesagt werden, immerhin ist das Buch noch nicht erschienen. Man wird sich wohl aber darauf verlassen können, dass dem eigenen Sound von Alice Zeniter hier Rechnung getragen wurde. Im Französischen arbeitet die Autorin mit stilistischen Mitteln der Wiederholung und der Doppelung sowie einer subjektiv-poetischen Sprache, die die Sprache der Protagonistin ist und doch auch ein gewisses, beobachtend-tastendes Mehr transportiert. Dann wieder springt die Erzählung zurück in die dritte Person und die auktorial erzählende Figur, Nähe und Distanz zur zentralen Figur wird so abwechselnd hergestellt und abgeschwächt. Dabei sind die nahen Szenen keineswegs die eines „klassischen“ Ich-Erzählers (den nutzt sowieso kaum jemand mehr) und auch kein intensiver Gedankenstrom á la Joyce, sondern eher eine Melange aus jetzt und gleich und früher, aus Reflexion, Introspektion, direkter Rede und innerem Kommentar. Dabei scheut Zeniter (zumindest im französischen Original) weder eine poetische noch eine klar-kalte, ja analytische Sprache und wechselt – wie bei den Erzählperspektiven – immer mal wieder gekonnt den Ton.

Fazit

Eine Autorin und ein Buch, auf das man sich freuen kann, auch weil es das irgendwie ja doch immer aktuelle Thema Migration aus einer weiteren Ferne darstellt, als es den meisten deutschen Autorinnen und Autoren gelingt und vielleicht gelingen kann. Immerhin ist die Französische Republik – zumindest in ihrem laizistischen Selbstverständnis – ähnlich den USA eher eine Verfassungsgemeinschaft denn eine Blut-und-Boden Gemeinschaft, aus der wir in Deutschland zumindest gesetzlich und gefühlt gerade erst ausbrechen. Gleichzeitig kontrastiert dies die identitären und rechtspopulistischen Strömungen, die ja auch in Frankreich mit der Front National alles andere als zu unterschätzen sind. Ein Buch, auf das man sich freuen kann und hoffentlich nicht das Letzte dieser Autorin, das ins Deutsche übersetzt wird. Wer des Französischen ausreichend mächtig ist, kann sich natürlich auch das Original bei Zeniters französischem Verlag Flammarion schon jetzt bestellen.

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