Benjamin Joon – Der Herzfitmacher

 

Foto: lillibreininger.de

 

Benjamin Joon, Ende der Siebziger in Südkorea geboren, kam als Kleinkind in ein Waisenheim und wurde von einer deutschen Familie adoptiert. Aufgrund der traumatischen Erfahrung, nicht nur von seiner Familie und den Freunden, sondern auch von seinem Geburtsland getrennt zu sein, widmete Benjamin sich schon früh der philosophischen Frage: „Wer bin ich“. 2000 zog Benjamin nach Berlin und machte sich dort als Projektentwickler, Film- und Werbedarsteller und Minimal-House-DJ selbständig. Schließlich befasste er sich intensiv mit den Lehren von Thich Nhat Hanh und anderen buddhistischen Lehren. Als strategischer Berater hat er zahlreiche ganzheitliche, spirituelle Festivals wie Forever Now und Agape Zoe begleitet. Außerdem engagiert er sich für ökologische und soziale Projekte. Seit 2015 arbeitet Benjamin als Integral Life Coach. In seinen Workshops und Seminaren verknüpft er Philosophie, Ethik und Spiritualität und versucht auf spielerische Art und Weise, seinen Schüler*innen zu einem achtsameren und mitfühlenderen Leben zu verhelfen. Wir haben mit Benjamin über achtsames Atmen und Gehen, über fehlerhafte Vorstellungen, die wir uns von der Liebe machen sowie darüber, wie sich schmerzvolle Erfahrungen in etwas Heilsames verwandeln lassen, gesprochen.

 

Wie lässt sich Achtsamkeit in Zeiten so genannter abwesender Anwesenheit (anwesend, jedoch abgelenkt durch Smartphone & Co) und anwesender Abwesenheit (nicht physisch anwesend, sondern medial) erlernen?

Zunächst brauchen wir die Erkenntnis, dass uns Achtsamkeit helfen kann, tiefe Freude im Leben zu erfahren und unser Leiden zu heilen. Die Erkenntnis alleine ist jedoch nicht ausreichend. Wir brauchen auch den Mut, beziehungsweise die Ermutigung, achtsam zu leben. Eine Gemeinschaft, die Achtsamkeit praktiziert, ist hierbei sehr hilfreich. Erkenntnis und Mut nähren unsere Tatkraft. Aus diesen drei Energien können wir motiviert ein achtsames Leben leben. 

 

Das achtsame Atmen ist unser physisches Tor zum gegenwärtigen Moment.

 

Kannst du vielleicht eine einfache Achtsamkeitsübung verraten?

Eine einfache Übung ist das achtsame Atmen mit einem sanftem Lächeln: Einatmend bin ich mir meines Einatems bewusst. Ausatmend bin ich mir meines Ausatems bewusst. Einatmend nehme ich die frische Energie wahr, die in meinen Körper fließt. Ausatmend nehme ich die Entspannung in meinem Körper wahr. Wer auf diese Weise atmet, praktiziert bereits Achtsamkeit und kann die heilsame Wirkung sofort spüren. Das achtsame Atmen ist unser physisches Tor zum gegenwärtigen Moment. Ich persönlich setze mir verschiedene Anker im Alltag, um das achtsame Atmen zu üben: eine rote Ampel, ein Benachrichtigungston für eine E-Mail, ein Glockenklang, das Weinen meines Kindes oder eine schöne Blume. Außerdem übe ich im Alltag regelmäßig das achtsame Gehen, in dem ich das achtsame Atmen mit meinen Schritten verbinde. Alles was wir mit unserem achtsamen Atem verbinden, wird zur Achtsamkeitspraxis. Alles was wir mit Achtsamkeit tun, ist bereits Meditation. 

 

Wie können wir lernen, den anderen wirklich zu sehen und nicht bloß unsere Projektionen auf den anderen zu übertragen?
Zunächst müssen wir lernen, uns selbst wirklich zu sehen. Durch Meditation kann ich meine falschen Vorstellungen und unheilsamen Gewohnheiten erkennen und loslassen. Erst in der Stille bin ich in der Lage mich selbst ein bisschen mehr zu erkennen. Wenn ich mich selbst erkennen kann, kann ich beginnen, den anderen in mir zu erkennen.

 

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Nähe zuzulassen und uns mit all unseren Schwächen zu zeigen? Wovor fürchten wir uns?
In der Nähe zu anderen Menschen können wir tiefe Freude und tiefes Leiden erfahren. Mit Hilfe der Achtsamkeit können wir die unheilsamen Elemente in einer Beziehung heilen und die heilsamen Elemente liebevoll nähren. In einer Partnerschaft oder einer tiefen Freundschaft zeigen sich oft unsere Verletzungen aus vergangenen Beziehungen. Um Freude und Freiheit in einer Beziehung erfahren zu können, ist es wichtig, sich in Güte und Mitgefühl zu begegnen.

 

Viele in unserer Gesellschaft haben falsche romantische Vorstellungen von Beziehungen und Liebe. Sie verwechseln sinnliches Begehren mit der Liebe.

 

Welche fehlerhaften Vorstellungen machen wir uns von der Liebe?
Alle Vorstellungen von der Liebe sind fehlerhaft.

 

Woran zerbrechen heute so viele Beziehungen?
Da die existentielle Notwendigkeit sowie der soziale Druck bei den wohlhabenden Menschen unserer Zeit gesunken ist, fehlt vielen heute ein wichtiger Grund, sich um eine langfristige Beziehung zu bemühen. Hinzu kommt das viele in unserer Gesellschaft falsche, romantische Vorstellungen von Beziehungen und Liebe haben. Viele verwechseln sinnliches Begehren mit der Liebe. Wenn ich Hamburger liebe, ist das keine Liebe. Es ist ein Begehren und Begierde ist keine Liebe. 

 

Weshalb verkompliziert ausgerechnet die Sexualität Beziehungen so häufig?
Verlieben basiert einerseits auf traumhaften Vorstellungen, die wir uns von der anderen Person machen und andererseits auf sinnlicher Begierde. Wir verlieben uns nicht in jemanden, der sexuell unattraktiv für uns ist. Doch Erotik kommt und geht. Erotik ist eine sehr unbeständige Energie. Diejenigen, die der Erotik bei der Partnerwahl eine hohe Priorität geben, werden mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit Liebe in seiner Tiefe erfahren.

 

Wir alle üben das Lieben. Wahre Liebe ist nicht das Ziel, wahre Liebe ist der Weg.

 

Wie können wir verhindern, eine oberflächliche Liebe zu leben, beziehungsweise Liebe mit Anziehungskraft zu verwechseln?

Wir alle üben das Lieben. Wichtig ist, dass wir uns in unseren Lebzeiten beständig bemühen, unsere Achtsamkeit und Liebe zu kultivieren. Wahre Liebe ist nicht das Ziel, wahre Liebe ist der Weg.

 

Was macht deiner Meinung nach das Wesen der Liebe aus?
Zuallererst muss ich dafür sorgen wirklich präsent zu sein. Nur wenn ich wirklich anwesend bin, kann ich wirklich lieben. Dann muss ich in der Lage sein, die Präsenz meines Gegenübers wahrzunehmen. Um wahrhaftig zu lieben, muss ich mein Gegenüber wirklich kennenlernen. Die vier Elemente der Liebe sind Güte, Mitgefühl, Freude und Freiheit. Güte, Mitgefühl und Freude führen ohne Freiheit zu einer exzessiven Anhaftung. Freiheit ohne Freude, Mitgefühl und Güte führt zu exzessiven Unverbundenheit. Erst wenn alle vier Elemente der Liebe in mir harmonieren, erfahre ich wahre Liebe.

 

Bereits 2004 hast du dich mit den buddhistischen Lehren Thich Nhat Hanh beschäftigt. Was lehrt dich der Buddhismus?
Die Dinge etwas weniger trüb zu sehen. 

 

Du wurdest Ende der Siebzigerjahre in Südkorea geboren und dort zur Adoption freigegeben. Als Dreijähriger wurdest du schließlich von einer deutschen Familie adoptiert. Wie hast du diese traumatischen Erfahrungen in etwas Kraftvolles verwandeln können?
Durch die Kultivierung von Akzeptanz und Mitgefühl kann ich üben, im Frieden mit dem zu sein, was ist. 

 

Wir können die schmerzvollen Erfahrungen in unserem Leben als eine Art Nährboden für unsere heilsamen Qualitäten betrachten. Ein weiser Gärtner ehrt den Humus, die Gartenarbeit und die Früchte. 

 

Wir alle tragen Verletzungen in uns. Wie kann es uns gelingen, unseren Wunden zu heilen und unsere (vermeintlichen) Schwächen in Stärken zu verwandeln?

Wir können die schmerzvollen Erfahrungen in unserem Leben als eine Art Nährboden für unsere heilsamen Qualitäten betrachten. Wenn wir die Samen der Achtsamkeit, des Friedens, des Mitgefühls, der Freude und Güte in diesem Nährboden wässern, erfahren wir tiefe Freude. Ein weiser Gärtner ehrt den Humus, die Gartenarbeit und die Früchte. 

Welche Bücher möchtest du unseren Leser*innen abschließend ans Herz legen?
Achtsam sprechen, achtsam zuhören
und Liebe heißt, mit wachem Herzen leben von Thich Nhat Hanh.

 

Wer mit Benjamin Joon Achtsamkeit praktizieren möchte, kann an einem seiner Workshops oder an dem Jahrestraining (Oktober 2020 bis August 2021) teilnehmen. 

WEBSITE: www.benjaminjoon.de

NEWSLETTER: http://eepurl.com/b1rnnv

INSTAGRAM: @benjaminjoon

Interview: Lesley Sevriens

Fotos: lillibreininger.de (Foto 1), Stefan Ruhmke (Foto 1b), AdobeStock_326364016 (Foto 2), Malina Ebert (Foto3), lillibreininger.de (Foto 4)

 

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