Bücher für den Sommer

Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen, der Badesee ruft – und die großen Ferien haben auch begonnen. Der Sommer mit seinen langen Tagen und milden Nächten, in denen man bis tief in die Nacht draußen sitzen kann, ist auch eine Zeit für gute Bücher. Gerade im Urlaub fällt der Stress des Alltags wirklich einmal ab und man kann sich auf etwas anderes konzentrieren. In diesem Jahr, mit Corona, Homeoffice, den zeitweise geschlossenen Kitas und Schulen sind Sommer und Ferien gleich doppelt wichtig. Endlich mal rauskommen, endlich mal abschalten, endlich mal genießen. Auch wenn es für die meisten dieses Jahr vielleicht eher nach Borkum als nach Bali geht und Wandern an der Müritz plötzlich attraktiver erscheint, als der Road Trip durch den Süden der USA, ja selbst das gute alte Balkonien eine ernst zunehmende Alternative darstellt, eins bleibt für uns Bücherwürmer immer gleich: Sommerzeit ist Bücherzeit.

Natürlich können wir hier nur eine kleine Auswahl vorstellen. Trotzdem hoffen wir, da ist für jeden was dabei – vom Krimi zur Familiengeschichte zum Klassiker mit Tiefgang. Genauso gespannt sind wir aber auf Eure Vorschläge: Was ist Euer Sommer-Lieblingsbuch? Was empfehlt Ihr uns für die heißen Nächte und freien Tage? Wir freuen uns über jeden Kommentar!

Neu geschrieben und frisch verlegt

 

Space Girls

Der Roman der Hamburger Autorin Maiken Nielsen folgt Juni, einer fiktiven jungen Frau, die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts am so genannten Mercury-13 Projekt teilnimmt, das – natürlich privat finanziert – Frauen zu Astronautinnen ausbildete. Wie bekannt sein dürfte, hat es leider keine dieser 13 Frauen damals geschafft, mit an Bord der ersten Apollo-Missionen genommen zu werden, obwohl sie genau dieselben Tests durchlaufen und bestanden haben, wie die männlichen Astronauten. Daher erinnert sich auch kaum jemand an diese Pionierinnen, ganz anders als z.B. an Neil Armstrong, den ersten Mann auf dem Mond.

Junis Leben – von der Flucht mit ihren Eltern aus Deutschland über das Aufwachsen in den strengen, patriarchalischen 50er Jahren bis zum Mercury-13 Projekt ist daher auch eine Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Rollenmodellen und zeichnet die inzwischen zum Glück historischen Bedingungen liebevoll nach. In einer Nebenrolle taucht auch der berühmt-berüchtigte Wernher von Braun auf, der Nazi-Raketenbauer, der seine Forschungen nach Ende des Krieges so gut wie nahtlos in den USA fortführte und heute als Vater des amerikanischen Weltraumprogramms gelten kann. Ein spannendes Buch, das trotz seiner historischen Setzung Muster offenlegt, die heute ebenso relevant sind, wie vor 60 Jahren.

Space Girls, von Maiken Nielsen, Verlag Wunderlich (Rowohlt, 2020), erhältlich als Hardcover oder E-Book – Leseprobe auf der Website des Verlages.

 

 

Offene See

Robert stammt aus Durham, mitten in den Kohlegebieten Nordenglands. Wie sein Vater und sein Großvater vor ihm, das steht fest, wird er in die Kohlegruben gehen und da mit ehrlicher Arbeit sein Geld verdienen. Vorher will er aber noch was erleben, zumindest ein bisschen was von der Welt sehen, auch wenn die Welt für Robert erst einmal Nordengland bleibt. Auf seinem Weg zum Meer, fast am Ziel angekommen, trifft er auf Dulcie, eine ältere Frau, die allein in ihrem Cottage wohnt und die Robert auf eine Tasse Tee einlädt (was auch sonst im guten alten England). Aus der Tasse Tee wird ein längerer Aufenthalt und aus Roberts Weg zum Meer, das ihn so fasziniert, eine in poetischer Sprache erzählte Coming-of-Age Geschichte, in der Dulcie und Robert sich nach und nach ihre Geheimnisse anvertrauen und Robert ganz neue Welten erschlossen werden. Dabei geht es nicht zuletzt um Poesie, um Gedichte, die mit Dulcie in Zusammenhang stehen. So dringt auch Lyrik vor der Kulisse des Meeres in den Erzähltext ein.

Myers, der für seine Bücher mehrere Preise gewonnen und unter anderem auch Lyrik veröffentlicht hat, verbindet in Offene See die beiden Genres sensibel miteinander, verlangt seinen Lesern damit aber auch ab, dass sie sich auf Lyrik einlassen. Nebenher bedient er sich des Mythos der nordenglischen Coalminers, deren Zeit auch heute noch in den häufig heruntergekommenen und verarmten Städten Nordenglands zu besichtigen ist. Der Roman spielt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Jahr 1946, was in Hinsicht auf die Gestalt Roberts nicht ganz unwichtig ist, ansonsten aber keine allzu große Rolle spielt.

Offene See, von Benjamin Myers, DuMont Buchverlag, erhältlich als Hardcover und E-Book, Leseprobe auf der Verlagswebsite.

 

 

Serpentinen

Ein Vater und ein Sohn, gemeinsam unterwegs irgendwo in dem Hügelland, aus dem der Vater stammt. Orte der Erinnerung werden besucht, die Kirche, wo die Eltern geheiratet haben, das Elternhaus, überall sind da kleine Geschichten und Erlebnisse, die der Vater dem Sohn mitgibt. Dabei reist der Familienfluch immer mit: Depression. An der sind noch alle Männer der Familie zugrunde gegangen, vom Urgroßvater über den Opa zum Vater des Vaters – erhängt, erschossen, ersoffen. Auf die eine oder andere Weise haben sie alle ihrem Leben ein Ende gesetzt und auch der Vater leidet an der Familienkrankheit, trotz seiner Bildung und seines hart erkämpften sozialen Aufstiegs, trotz des Lebens in der Stadt und allem, was dazugehört. Bringt er seinen Sohn in Gefahr, indem er zurückfährt in die Erinnerungen? Er ist sich da selbst nicht so sicher, er will nur dem Fluch ein Ende setzen, ein für alle mal, für sich und seinen Jungen.

Was sich nach harter Kost anhört, ist stilistisch fein gearbeitete Prosa und ein echter Lesegenuss. Damit beweist Bov Bjerg einmal mehr, dass er zu den wichtigen deutschen Schriftstellern gehört, in deren Werk man unbedingt mal seine Nase hereinstecken sollte. Und wer weiß – vielleicht geht das Ganze am Ende ja auch gut aus?

Serpentinen, von Bov Bjerg, Claasen (Ullstein Imprint), als Hardcover erhältlich, mehr Infos auf der Verlagswebsite.

 

 

The Street – Die Strasse

The Street ist ein Roman aus dem Jahr 1948, der vom Züricher Verlag Nagel & Kimche gerade in einer neuen Übersetzung herausgegeben wurde. Das Besondere: die Autorin Ann Petry kann als erste afroamerikanische Bestsellerautorin gelten. Verkauften sich seinerzeit von The Street doch rund 1,5 Millionen Exemplare – und das zu einer Zeit, in der selbst männliche afroamerikanische Schriftsteller noch so etwas wie ein Kuriosum waren.

Neben der plötzlichen Aktualität, die das Buch durch den Tod George Floyds bekommt, ist dieser gnadenlose Blick einer afroamerikanischen Frau auf die (damals wie heute) brutale Wirklichkeit der Armen und – noch schlimmer – armer alleinerziehender afroamerikanische Frauen allein schon als Dokument seiner Zeit eine Entdeckung unbedingt wert. Aber auch der Stil, diese Direktheit und das manchmal schon fast Brutale der Sprache und der Einsichten und Erfahrungen, die hier vermittelt werden, bleiben bis heute aktuell. Und das zu einem Gutteil nicht nur für afroamerikanische Frauen, sondern für Frauen ganz allgemein, denn es geht um die haarsträubend harte Navigation zwischen Armut, dem Dasein als alleinerziehende Frau und der Ausgesetztheit gegenüber dem „männlichen“ Blick, also lüsternem Lechzen fieser und nicht selten hässlicher Typen, schwarze wie weiße, die den Körper der jungen Frau mit den Augen verschlingen.

Zentraler Ort der Handlung ist dabei natürlich „The Street“, die 116. Straße in Harlem, dem afroamerikanischen Armenviertel in New York. Dort lebt die alleinstehende junge Lutie Johnson mit ihrem Sohn Bubb inmitten von Armut, Gewalt und einer rassistischen Gesellschaft, in der eine schwarze Frau noch einmal weniger Wert ist, gerade ohne Ehemann. Diesem Leben versucht Lutie zu entkommen – natürlich ohne je eine Chance zu haben. Trotzdem kämpft sie und nimmt kein Blatt vor den Mund. Was nicht gut endet. Das sagen wir gleich.

The Street, die Straße, von Ann Petry, Nagel & Kimche, als Hardcover und E-Book erhältlich, mehr Infos auf der Verlagswebsite.

 

 

Sind wir nicht Menschen

T.C. Boyle gilt manchen ja als Rockstar unter den amerikanischen Schriftstellern. Die wilde Zeit mit LSD und Experimenten mit Heroin im pulsierenden Moloch L.A. liegt aber schon tief in der Vergangenheit. Heute wohnt Boyle mitten in der Natur in einem Haus des berühmten Architekten Frank Lloyd Wright nahe Montecito bei Santa Barbara. Mit der Sammlung von Short Stories aus den letzten Jahren beweist er zudem, dass er es inzwischen zu einer großen Meisterschaft der kurzen Form gebracht hat. Die „Stories“ nehmen den Leser mit in eine überdrehte Form der Gegenwart. Da geht es um Strafen für das Nicht-Tragen von Gesichtsmasken (ja, genau, allerdings um einiges vor der Corona-Krise ersonnen), um die Unwägbarkeiten des Umzugs aufs Land (Ameisen!), die Dürre in Kalifornien oder Transgene Kinder und Tiere auf Bestellung.

Vor diesem Teppich an mal futuristisch, mal geradezu unheimlich hellsichtigen Settings und fiktiven Realitäten handeln, leiden und lieben die Figuren durch ein Amerika und eine Welt, in der hinter jeder Ecke Abgründe, Umweltkatastrophen und Untergang drohen. Dabei sind die Protagonisten aber nie nur ausgeliefert, sie haben immer die Wahl, eine zwischen Gut und Böse, wenn man so will. So gesehen sind diese insgesamt 19 meisterhaften Short Stories auch moralisch. Kein Wunder eigentlich, wirft man einen Blick auf das zerrissene Land hinterm großen Teich mit seinen gewaltigen sozialen Verwerfungen und einem gelähmten politischen System, von dem Trump wohl nur eine der eher schlimmeren Auswürfe darstellt und in der verqueren Innenlogik dieses stolzen Riesenlandes vielleicht „normaler“ ist, als es einem lieb sein kann.

Sind wir nicht Menschen, 19 Kurzgeschichten von T.C. Boyle, Hanser Literaturverlag, mehr auf der Verlagswebsite.

Sommerkrimis

 

Ein letzter Sommer in Méjean

Cay Rademacher, unter anderem bekannt für seine in Hamburg spielenden Romane um Oberinspektor Frank Stave, hat seinen Lebensschwerpunkt seit einigen Jahren mit seiner Familie in die Provence verlegt. Genau dort, an der französischen Mittelmeerküste, spielt auch sein neuester Kriminalroman – Ein letzter Sommer in Méjean. Im Mittelpunkt des Buches steht ein zum Zeitpunkt der Handlung (2014) bereits 30 Jahre zurückliegendes Ereignis. Damals starb Michael unter mysteriösen Umständen im Sommerurlaub einer deutschen Clique von Jugendlichen. Ein anonymer Briefschreiber fordert die damals involvierten auf, nach Méjean zu kommen und verspricht, das Geheimnis am Mord von Michael aufzulösen. So trifft sich die einstige Clique, die nach dem Sommer vor 30 Jahren wegen des Todes Michaels auseinandergedriftet ist, an dem Ort wieder, wo ihre Freundschaft sozusagen ein Ende nahm. Auch mit dabei: der alte, als Bluthund und Einzelgänger bekannte ehemalige Kommissar Marc Antoine Renard (renard bedeutet übrigens Fuchs im Französischen). Gemeinsam versuchen die Angereisten nun das Rätsel um Michaels Tod zu lösen – und nichts ist am Ende so, wie es anfänglich schien.

Ein letzter Sommer in Méjean, von Cay Rademacher, DuMont Buchverlag, als Hardcover, Taschenbuch (neu) und als E-Book, Leseprobe auf der Website des Verlages.

 

 

Geheime Quellen – Commissario Brunetti neunundzwanzigster Fall

Donna Leon gehört mit ihren Venedig-Kriminalromanen um den guten Commissario Brunetti inzwischen zu den Klassikern der Krimi-Literatur und ist so etwas wie der Mutter der so beliebten Regionalkrimis. In Deutschland sind natürlich auch die berühmt-berüchtigten Verfilmungen durch die ARD mit Schuld an der ungebrochen hohen Popularität des Commissario. Dabei muss man allerdings sagen, dass die Bücher um einiges besser sind, als die – bestenfalls netten – Verfilmungen. In seinem nun immerhin schon 29. Fall (jeder andere Beamte wäre wohl bei all den Erfolgen längst schon Polizeichef geworden) geht Brunetti einem Unfall nach, der für alle bis auf die Ehefrau des Verunglückten eben genau nach einem solchen aussieht. Wie man Brunetti aber kennt, steckt da selbstverständlich einiges mehr dahinter. Der Hintergrund, vor dem der Kriminalfall erzählt wird, ist der drückende Hochsommer in Venedig und dem Veneto mit seiner flimmernden Hitze, den Sandalen tragenden Touristen und den üblichen Wasserproblemen. Letztere spielen auch bei der Auflösung des angeblichen Unfalls eine tragende Rolle. Spannend und solide, wenn auch sicher nicht allzu überraschend – Donna Leon eben, man weiß inzwischen, was man bekommt.

Geheime Quellen, Commissario Brunettis 29. Fall, von Donna Leon, Diogenes, als Hardcover erhältlich, mehr auf der Website von Diogenes.

 

Klassiker

Fahrenheit 451

Fahrenheit 451 ist genau die Hitze, bei der Papier von alleine Feuer fängt. Statt Feuer zu löschen ist die Feuerwehr in Ray Bradburys dystopischem Roman mit Flammenwerfern ausgerüstet, die genau diese Temperatur auswerfen – um die letzten Zeugnisse individualistischer Kultur in Form der verhassten Bücher auszumerzen.

Der ursprünglich 1953 erstveröffentlichte Roman gilt heute als einer der Klassiker der dystopischen Science Fiction Literatur und entführt den Leser in einen Staat irgendwann in der Zukunft, in dem es als schweres Verbrechen gilt, Bücher zu besitzen oder – Gott bewahre! – zu lesen. So hält „Der Staat“ seine Bürger in unmündiger Abhängigkeit und bereitwilligem Gehorsam. Der Protagonist Guy Montag ist Feuerwehrmann und entwickelt sich von einem treuen Anhänger des Systems zu einem Leser, also einem Todfeind des Regimes. Dann wird er auch noch von seiner eigenen Frau verraten und sein Haus wird von seinen ehemaligen Kollegen von der Feuerwehr wegen der dort gelagerten Bücher angezündet. Aber Guy Montag gibt nicht so schnell auf. Netflix plant eine Neuverfilmung des Klassikers.

Fahrenheit 451, von Ray Bradbury, verschiedene Verlage und Übersetzungen, gebraucht oder neu z.B. bei Thalia oder Amazon.

Die Pest

In Italien war Albert Camus großer Roman Die Pest (Originaltitel: La Peste) während des Höhepunktes der Corona Krise ausverkauft. Auch in Frankreich und Deutschland sind die Verkaufszahlen in die Höhe geschnellt. Wer das Buch nicht kennt, dem sei es in diesen Zeiten der Pandemie wärmstens ans Herz gelegt. Camus beschreibt – auch unter Nutzung der eigenen Biographie – den Ausbruch der Pest in der algerischen Stadt Oran irgendwann in den 40er Jahren. Im Zentrum der Handlung steht der Arzt Dr. Bernard Rieux, der – angelehnt an die mythologische Figur des Sysyphos – verzweifelt wie verbissen gegen die unheimliche und zu Beginn mysteriöse Krankheit kämpft. Mit den Umständen der Seuche hingegen gehen die Menschen in Oran sehr unterschiedlich um und jeder versucht für sich einen Weg zu finden, der es erlaubt, zu leben, während überall der unsichtbare Tod lauert.

Die Pest von Albert Camus ist in verschiedenen Übersetzungen und Verlagen, gebraucht oder neu in fast allen großen Buchhandlungen und im Internet erhältlich.

 

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