Der Chronist der Winde

Mankell, das ist für viele vor allem Kommissar Wallander. Dabei gibt es bei diesem schwedischen Autoren durchaus mehr zu entdecken, neben anderen Kriminalromanen, Theaterstücken und Kinderbüchern vor allem die sich mit Afrika beschäftigende Prosa. Von Letzterer soll hier – als Ausgleich zu all dem Wallanderismus sozusagen – „Der Chronist der Winde“ (Originaltitel: Comédia infantil) beispielhaft für das weitere Schaffen dieses Autors vorgestellt werden, auch wenn dies bei der Menge an publiziertem Material und der Diversität der Genres nur Stückwerk bleiben kann. „Der Chronist der Winde“ bietet sich dabei gleich in mehrerer Hinsicht an, da dieser Roman auch stilistisch anders gearbeitet ist, als viele andere Werke Mankells, und in deutscher Übersetzung vorliegt, was inzwischen aber wohl für fast alle Prosawerke des Autors gelten dürfte. Ursprünglich 1995 in Schweden veröffentlicht, wurde „Der Chronist der Winde“ in der Übersetzung von Verena Reichel in Deutschland im Jahr 2000 zuerst im Zsolnay Verlag publiziert.

Inhalt von „Der Chronist der Winde“

„Der Chronist der Winde“ wird aus der Ich-Perspektive erzählt, was für Mankell zumindest erst einmal ungewöhnlich erscheinen mag, es ist aber nicht das einzige Buch des Autors, in dem er sich dieser Erzählhaltung bedient. Der Erzähler des Buches ist der Bäcker José-Antonio Maria Vaz, der in einer nicht benannten afrikanischen Hafenstadt lebt. Diese hat aber durchaus Ähnlichkeiten mit Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, die für viele Jahre so etwas wie Mankells zweite Heimat war. Der Roman beginnt damit, dass der Bäcker Schüsse aus dem nebenliegenden Theater hört. Im Theater findet er den zehnjährigen Straßenjungen Nelio, der durch eine Schusswunde schwer verwundet ist. Weil Nelio keine medizinische Versorgung will, pflegt José ihn die folgenden zehn Tage lang, bis der Junge stirbt. An den Tagen schläft Nelio, in den neun Nächten hingegen erzählt er dem Bäcker seine Geschichte. Die Herkunft aus einem kleinen Dorf, das einem Angriff zum Opfer fiel, der Versuch, aus ihm einen Kindersoldaten zu machen, seine Flucht in die „Stadt am Meer“ und sein Leben als Straßenkind, das von Taschendiebstählen lebt und seiner neuen Familie, einem „Rudel“ von Straßenkindern.

Die Theaterszene – Ausgangs- und Endpunkt von “Der Chronist der Winde”

Die tragische Szene im Theater, mit der der Roman beginnt, steht am Ende der Erzählung des Jungen und bringt damit eine Art Abschluss, noch bevor der Roman wirklich zu einem Ende kommt. In besagtem Theater, auch eine Parallele zu Mankells Wirken und Leben in Afrika, wo er in Maputo erst ein Theaterensemble aufbaute und später das – einzige! – professionelle Theater Mosambiks leitete, hatte das Rudel der Straßenkinder unter Nelios Leitung ein selbst entworfenes Theaterstück für den todkranken Alfredo Bomba, das jüngste Kind im „Rudel“, aufgeführt, während der Alfredo friedlich einschläft. Am Ende platzen die Wachleute des Theaters in die Aufführung hinein, das Rudel flieht, nur Nelio, der Alfredo nicht zurücklassen mag, bleibt und wird von den Wachleuten angeschossen. Tief bewegt verlässt José nach dem Tod des Jungen sein bisheriges Leben und verschreibt sich ganz der Aufgabe, die Erzählung des Jungen weiterzuerzählen, damit diese auch nach dem Tod des Jungen weiterlebt.

Stil und Bearbeitungen von Mankells Afrika-Roman

Auch wenn Henning Mankell sogar in manchen seiner Wallander Romane ab und zu in die Innenperspektive des Ich-Erzählers springt, bleibt diese Erzählhaltung doch die Ausnahme im Werk des Autors. Auch in „Der Chronist der Winde“ wird die Erzählsituation vor allem durch die Erzählung Nelios gebrochen. Bei dieser mündlichen Erzählung seiner Lebensgeschichte, ein nicht ganz einfacher literarischer Kunstgriff, lässt Mankell seine Erfahrungen als Theatermacher, Stückeschreiber und Regisseur einfließen, was die Erzählung runder macht, als dies sonst häufig in Romanen der Fall ist. Immerhin lebt das Theater ganz und gar von Dialogen und dem gesprochenen Wort. In der Rezeption ist „Der Chronist der Winde“ zumindest außerhalb Schwedens vielleicht das bekannteste und am weitesten verbreitete Werk Mankells, das sich ganz einer afrikanischen Thematik widmet, und erhielt mehrere angesehene Literaturpreise. Eine filmische Bearbeitung des Stoffes wurde in Maputo durch die schwedische Regisseurin Solveig Nordlund geschaffen und feierte einige Achtungserfolge auf europäischen Filmfestivals, wenn dem Film auch außerhalb Schwedens ansonsten keine allzu große Beachtung geschenkt wurde.

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