Der Idiot

Ist selbst absolut keiner – Dostojewski

„Der Idiot“ (1868) ist einer der so genannten sechs großen Romane Dostojewskis und bietet ebenso wie „Der Spieler“ trotz seiner Länge einen guten Einstieg in das Werk des wahrscheinlich größten und einflussreichsten russischen Literaten überhaupt. Dies liegt vor allem mit an der Hauptperson, dem jungen „Idiot“ Fürst Myschkin, der nach einem fünfjährigen Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz wegen einer Erbschaftsangelegenheit nach St. Petersburg zurückkehrt und der zu den liebenswürdigsten Hauptfiguren Dostojewskis gezählt werden muss. Idiot bezieht sich dabei auf die Persönlichkeit des Protagonisten, der aber nicht im herkömmlichen Sinne ein Idiot ist, sondern mit seiner unkonventionellen und oft naiven Art sowie einer gewissen Unfähigkeit zur Lüge, zur Intrige und zum gesellschaftlichen Maskenspiel nicht hineinpasst in diese bürgerlich-aristokratische Welt des 19. Jahrhunderts.

Was „Der Idiot“ alles idiotisches bedeuten kann

Interessant ist dabei, die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Idiot im Auge zu behalten. Unser heute pejorativ genutztes Wort stammt vom altgriechischen „idiotes“ und bezeichnet dort einen Person, die sich aus den Belangen ihres Stadtstaates heraushält. Das lateinisch idiota (Laie, Stümper) rückt demgegenüber schon näher an unsere heutige Verwendung heran, ist aber noch lange nicht so vorverurteilend. Fürst Myschkyn ist je nach Situation ein Idiot in allen möglichen Bedeutungen: ein unbeteiligter „Bürger“ im Sinne seines Daseins als nicht wirklich involvierter oder an Politik und Macht interessierter Fürst, der seine Zeit lieber im Ausland verbringt, ein – wenn auch was die Motivationen und Schwächen der anderen angeht häufig fast hellsichtiger – Laie im gesellschaftlichen Umgang und am ehesten ein echter „Idiot“ im heutigen Sinne, wenn es um Frauen geht. Zudem trägt Myschkyn durchaus Züge, die man auch Dostojewski zuschreiben kann, insbesondere seine große psychologische Einfühlsamkeit und die bei Myschkyn im Roman immer wieder auftretenden epileptischen Anfälle.

Inhalt und Ablauf von “Der Idiot”

Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die zusätzlich noch in einzelne Kapitel aufgeteilt werden. Diese Form der Aufteilung und Fragmentierung hängt neben einer Strukturierung sicher auch damit zusammen, dass „Der Idiot“ wie fast alle Werke Dostojewskis zuerst im Feuilleton einer Zeitung, in diesem Fall in der Russki Westnik, veröffentlicht wurde. Im ersten, an einem einzigen Tag spielenden Teil kommt Fürst Myschkin in St. Petersburg an und schließt Bekanntschaften mit den weiteren im Verlauf des Romans wichtigen Personen. Besondere Wichtigkeit kommt vor allem dem reichen Kaufmann Rogoschin und der hübschen Nastassja Filippowna Baraschkowas zu, um die sich gemeinsam mit Fürst Myschkyn eine tragische Dreiecks-Liebesbeziehung zu spannen beginnt. So sind die wichtigen handelnden Personen eingeführt und der sich im Weiteren entwickelnde Konflikt angelegt.

Liebe, Eifersucht, Verrat

Von diesem Punkt aus entwickelt sich über die nächsten drei Teile des Romans die immer deutlicher und deutlicher auf eine irgendwie geartete Katastrophe zurasende Dreiecksbeziehung. Die Dramen und teils recht humorvoll beschriebenen „Tragödien“ reichen von einem Mordanschlag aus Eifersucht bis hin zu shakespeareschen Verwicklungen und Verwirrspielen. In deren Mitte steht fast immer ebenjene Nastassja, die sich in ihrem Wunsch, eine emanzipierte Frau nach westlichem Vorbild zu sein (das emanzipiert muss man natürlich in Hinsicht auf die Zeit verstehen), einfach nicht zwischen dem reichen, weltgewandten Rogoschin und dem sensiblen, verarmten Fürsten entscheiden kann. Immer wieder scheint dabei auch Hoffnung auf – für alle Beteiligten – und Fürst Myschkyn, der immer allen helfen will und niemandem etwas böse nimmt, wächst der Leserschaft immer mehr ans Herz. Natürlich wird es nicht gut ausgehen für die drei in ihrer aus Liebe, Begehren, Mitleid und Sturheit verstrickten Beziehung, verraten wollen wir das Ende hier aber auch nicht. Lest das Buch!

Das Problem mit den Namen bei Dostojewski

Wer die klassischen russischen Schriftsteller*innen kennt, dem wird das hier nichts neues sein. Andere werden vielleicht sogar schon Späße darüber gehört haben: diese verdammten Namen! Zwar ist das handelnde Personal in „Der Idiot“ im Vergleich zu anderen Romanen Dostojewskis eher übersichtlich, dennoch können einem die Namen einiges Kopfzerbrechen bereiten. Anders als bei uns in Deutschland gibt es im Russischen, gerade bei der Verwendung von Namen, ganz unterschiedliche Möglichkeiten und Schreibweisen, die für Fachfremde (Idioten sozusagen) nicht immer sofort entschlüsselbar sind. So kann es einem schon einmal passieren, dass man einen Moment braucht, um zu verstehen, dass da gerade keine neue Person eingeführt wird, sondern es sich vielleicht sogar um die Hauptfigur handelt, die nun plötzlich mit ihrem Kosenamen oder einer anderen im Russischen möglichen Anredeform angesprochen wird. Als ein allgemeines Beispiel kann der Name Alexander herhalten. Ein Alexander wird in Russland auch gerne Sascha genannt, so etwas wie die russische Koseform von Alexander, was man aber wissen muss, um den Faden nicht zu verlieren, sind dies doch in Deutschland zwei grundverschiedene Namen, die auf den ersten Blick erst mal nichts miteinander zu tun haben.

Erzählform von “Der Idiot”

„Der Idiot“ wird der Leserschaft vertraulich von einer auktorialen, anonym bleibenden erzählenden Figur vorgetragen, die den Leser und die Leserin auch schon mal kumpelhaft in der Form von „unserer Erzählung“ direkt anspricht. Meist nimmt die erzählende Person dabei die Perspektive des Protagonisten Fürst Myschkyn ein, zeigt aber auch schon mal die inneren Vorgänge der anderen handelnden Personen auf und gibt Einblicke in deren Biografie. Daneben wird das Vehikel des Briefes genutzt und die Darstellung von Gegebenheiten als Gerüchte oder über Umwege durch dritte Personen, was dem Text eine polyphone, durch und durch moderne Form gibt.

Motive und Adaptionen

Die herausstechenden, wiederkehrenden Motive sind – neben der Dreiecksbeziehung – Todes- und Lebenssymbolik sowie die Verwendung der Epilepsie als Metapher. Daneben sticht vor allem die irgendwie tragische Figur des Fürsten Myschkyn als „armer Ritter“ mit gewissen Anleihen bei Don Quixotte heraus, die ebenso liebenswürdig wie (in der ihn umgebenden Welt) lebensuntüchtig ist.

„Der Idiot“ ist außerdem eines der am meisten adaptierten Werke Dostojewskis. Neben fünf Opern und zehn bekannten Theateradaptionen wurde „Der Idiot“ bislang auch schon zehnmal als Film, Fernsehspiel oder in Form von Mini-Serien cineastisch aufgegriffen. Besonders herauszuheben sind die Bearbeitungen durch Akira Kurosawa (Titel: Hakuchi, 1951), der die Handlung nach Japan verlegt, sowie die Bearbeitung durch Andrzej Zulawski (L´Amour Braque, 1986) mit Sophie Marceau.

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