Die „Menschliche Komödie“

Wieso Balzac? Eine durchaus berechtigte Frage, wenn man mal von der literaturhistorischen Bedeutung des Autors absieht. Anders als bei anderen Romanschriftsteller*innen des neunzehnten Jahrhunderts, die sich der uneingeschränkten Liebe des Publikums gewiss sein dürfen – man denke nur an Emily Brontë, Gustave Flaubert mit seiner Madame Bovary oder Theodor Fontane und E.T.A. Hoffmann, um zwei Deutsche zu nennen – scheint Balzac doch sehr der Mode unterworfen zu sein. Vielleicht liegt das auch am Fehlen eines „Hauptwerkes“, das man gelesen haben muss. Bei Balzac besteht das unvollendete Hauptwerk der „Menschlichen Komödie“ immerhin gleich aus 88 Romanen. Und nein, man muss sie nicht alle gelesen haben, das ist eine Aufgabe für Bewunderer. Die andere Sache ist der Stil, dieses gehetzte, wenig elegante, dahin geschriebene, was den meisten der in kaum 20 Jahren entstandenen Romane der „Menschlichen Komödie“ anhaftet. Wer sich auf das Wagnis Balzac einlässt, sei es aus Interesse an der Zeit, diesem Frankreich nach Napoleon, das sich unter Schmerzen modernisiert und in der die Industrialisierung beginnt, sei es aus Neugier auf dieses ganz eigene erzählerische Universum, das wie kein anderes eine ganze Epoche wieder zum Leben erweckt, der wird dafür doppelt belohnt. Nicht nur wird man eine ganze Reihe von neuen Lieblingen finden, wie den naiven, tragischen und hochbegabten Lucien Chardon mit seinen prominenten Auftritten in den Romanen „Verlorene Illusionen“ und „Glanz und Elend der Kurtisanen“ oder die Bohemiens Horace Bianchon und Jean-Jaques Bixiou, die gleich in dutzenden verschiedenen Erzählungen auftauchen, sondern auch wirklich liederliche Figuren antreffen wie den Baron von Nucingen oder den durch und durch verdorbenen Jaques Collin, der sich später Vautrin nennt und vom Verbrecher zum Polizisten wird.

Auf der anderen Seite sind da natürlich auch die unangenehmen, die moralisch korrupten oder durch und durch verdorbenen Personen, denen man mal mit Bewunderung für ihre Instinkte, meist jedoch in tiefer Abneigung verbunden ist, wie dem windigen Journalisten Lousteau oder dem raffgierigen Bankier Baron Frédéric de Nucingen. Nun sind die Figuren bei Balzac eigentlich nie schwarz-weiß gezeichnet. Jeder hat seine guten und seine schlechten Seiten. Versteht sich von selbst, dass in dem vorherrschenden, frühindustrialisierten „Raubtierkapitalismus“ jener Zeit die schlechten Seiten zumeist die für das persönliche Fortkommen in der Gesellschaft besseren sind. Überhaupt ist es erstaunlich, wie nah dieses balzacsche Personal manchmal an uns heutigen Menschen ist. Natürlich gibt es da auch Unterschiede: die Konventionen, die Wichtigkeit von Titeln (falschen oder echten, wie sie Balzac und sein Vater mit dem Zusatz „de“ ja selbst verwandten), die meist allerdings nur vorgeschobene Bedeutung der „Ehre“, die als Konzept heutzutage ja mehr oder weniger komplett abgewirtschaftet hat und die engeren gesellschaftlichen Grenzen und der erschwerte Zugang zu Bildung.

Demgegenüber steht das, was Balzac so treffend als „Leidenschaften“ bezeichnet und mit denen er den inneren, psychologischen Antrieb zu Handlungen meint. Diese haben sich seit dem neunzehnten Jahrhundert kaum geändert. Und dann sind da noch die beschriebenen Mechanismen von der Presse über die Aktienmärkte bis hin zu Schuldner*innen, die im Großen und Ganzen bis heute Geltung haben, auch wenn Medienschaffende heute zum Glück meist nicht mehr gezwungen sind, die ihnen zum Rezensieren zugesandten Produkte zu verkaufen, um über die Runden zu kommen. Das grundsätzliche Problem der indirekten Bestechung ist aber natürlich nach wie vor das Gleiche.

Heißt das alles jetzt, dass man alle Bücher der „Menschlichen Komödie“ lesen müsste? Auf gar keinen Fall. Natürlich wiederholt sich auch vieles und die verschiedenen Gesellschaftsschichten, Leidenschaften und Ansätze werden geradezu zoologisch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: aus Sicht der Stadt, also Paris, der rückständigen und verschlafenen Provinz (Balzac war, abgesehen von seinen Reisen und Aufenthalten auf den Landsitzen einflussreicher Bekannter, eben eingefleischter Pariser), der Sitten und selten, wie bei den „Chouans“, auch im Rückblick auf die Geschichte. Dieser quasi naturwissenschaftliche Blick auf die Gesellschaft und ihre Mechanismen kommt nicht von ungefähr. Balzac selbst formulierte seine programmatische Grundlage im Vorwort der „Menschlichen Komödie“ entlang der Phänotypentheorie des französischen Zoologen Saint-Hilaire, der davon ausging, dass Tiere von ihrer Umgebung geprägt werden. Dies übertrug Balzac auf die Gesellschaft und stellt uns sozusagen „ewige“ menschliche Phänotypen (Streitkräfte, Arbeitskräfte, Gelehrte usw.) vor das innere Auge, die seiner Ansicht nach denen der Tiergattungen vergleichbar sind.

Für den Einstieg in diese fremde und doch vertraute Welt des Frankreichs zwischen ca. 1819 und 1845 empfehlen sich die kurzen, aber knackigen und mitunter spannenden Romane aus der Anfangszeit wie „Vater Goriot“ oder „Das Chagrinleder“. Wer es mit historischen Romanen hält, wird mit den „Chouans“ sicher seine Freude haben. Selbst kunsttheoretisch gibt es bei Balzac kleine Perlen zu heben. So nimmt er – wenn auch in anderer Absicht – in der kurzen Erzählung „Das unbekannte Meisterwerk“ die Idee der abstrakten Kunst auf und vorweg, vermittelt seine Kunsttheorie und die Ideen seiner Zeit. In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erschien eine bis heute immer wieder aufgelegte Ausgabe mit Illustrationen von Pablo Picasso, der sich eine Zeit lang intensiv mit diesem Stück Literatur beschäftigte. Ein wenig ärgerlich sind einige der älteren Übersetzungen, die sich um eine „authentische“, alte Sprache zu bemühen scheinen. Dies kann für den Leser und die Leserin heute ein wenig abschreckend sein. Bei neueren Übersetzungen bemüht man sich meist um bessere Lesbarkeit und eine zeitgemäßere Übersetzung. Wie bei Balzacs Werken, die mal in Mode sind und mal scheinbar links liegen gelassen werden, gilt dies eben auch für Übersetzungen im Allgemeinen.

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