Elementarteilchen

Der 1998 bei dem französischen Verlag Flammarion erschienene Roman „Elementarteilchen“ (im Original: Les particules elementaire) gilt heute als Kultbuch und ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – wohl der am meisten gelesene Roman von Michel Houellebecq. Die Kritiken zur Zeit des Erscheinens waren sich einig, dass es sich um ein großes Werk handelt, gleichzeitig wurde der Inhalt kritisiert, dem Autor Rassismus, Sexismus und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen, ein Reflex, der schon bei der Veröffentlichung von Houellebecqs erstem Roman (Die Ausweitung der Kampfzone, 1994) einsetzte und der seitdem – mit Variationen, wie Islamophobie – zuverlässig jede neue Publikation des Autors begleitet. Natürlich macht man es sich damit zu einfach und gerne wird der Autor auch mit seinen Protagonisten gleichgesetzt bzw. verwechselt, was Houellebecq, der sich von Anfang an die Schlagkraft des Skandals als Marketinglösung im Literaturbetrieb zu eigen machte, natürlich gerne so stehen lässt und wenn überhaupt halbherzig und schief lächelnd dementiert.

Motive und Erfolg von Elementarteilchen

Der internationale Erfolg von „Elementarteilchen“, der sogar zu einer mäßig guten deutschen Verfilmung des Stoffes mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle führte, ist in der Offenheit und Internationalität der Thematik angelegt. Einmal ganz abgesehen von den Details der Story und dem handelnden Personal, ist „Elementarteilchen“ so etwas wie eine Meditation über die gesellschaftlichen Auswirkungen der 68er Bewegung in den westlichen Industriegesellschaften, der sexuellen Befreiung, die hier sehr richtig nicht nur als emanzipatorische Befreiung, sondern geradezu als das Gegenteil beschrieben wird, sowie der Frage nach der Auflösung der menschlichen Getriebenheit und Besessenheit von Sex und Tod. Die Lösung, die Michel, einer der beiden Protagonisten, der denselben Vornamen trägt wie der Autor, am Ende des Romans anstrebt, ist ebenso radikal wie wohl unethisch und erscheint wie eine polemische Überspitzung, ohne vollkommen falsch zu sein oder an der Sache vorbeizugehen.

Zwei Brüder – die Protagonisten in Elementarteilchen

Die beiden Protagonisten des Romans sind die Brüder Michel und Bruno Djerzinski, die 1956 und 1958 auf die Welt kommen. Kurz nach der Geburt Brunos trennen sich die Eltern. Ihre Mutter, Janine, verbringt ihr Leben mit Selbstfindung, Esoterik, Sexabenteuern und ist in verschiedenen Hippie-Kommunen unterwegs. Ihre beiden Söhne, zu denen sie kaum eine wirkliche Bindung aufzubauen im Stande ist, wachsen derweil getrennt bei den Großmüttern auf. Die Trennung geht dabei weit über die räumliche Distanz und die unterschiedlichen Einflüsse hinaus. In gewisser Weise konstruiert Houellebecq seine beiden Charaktere als Gegensätze. Während Michel beinahe unfähig ist, Emotionen zu empfinden (eine Ausnahme macht allein seine Jugendfreundin Annabelle), kaum Sexualtrieb besitzt und sein Leben ganz seinem Forschungsgebiet der Molekularbiologie widmet, in der er eine anerkannte Kapazität wird, ist Bruno, ähnlich wie die Mutter Janine, extrem sexualisiert, ohne dies allerdings wirklich genießen zu können. Er wird Lehrer am Gymnasium und findet allein bei Christiane, die er in einer Art Swinger-Club Ferienlager trifft und mit welcher er Orgien und Gruppensex praktiziert, so etwas wie Erfüllung. Als junger Mann masturbiert er geradezu zwanghaft, versteckt in der Öffentlichkeit, wenn er nah bei hübschen jungen Frauen sitzt, geht zu Prostituierten, verplempert Geld mit Sex-Hotlines und fühlt sich von seinen Teenager-Schülerinnen ständig erregt. Kein Wunder also, dass die Ehe, die er zwischenzeitlich zu führen versucht, krachend in die Brüche geht und er irgendwann auch noch seinen Job als Lehrer verliert. Die Analogie zwischen den Brüdern, die in all ihrer Gegensätzlichkeit seltsam aneinander geschmiedet wirken, geht in den Frauenfiguren Annabelle und Christiane, die einzigen, zu denen beide so etwas wie wirkliche emotionale Bindung aufzubauen imstande sind, weiter und wird durch den Tod der Frauen, jeweils durch Selbstmord aus Angst vor Krankheit, sozusagen gekrönt. Der Umgang mit diesem sozusagen finalen Verlust ist dann allerdings wieder so unterschiedlich, wie die beiden Brüder sich in Verhalten und Charakter sind.

Handlungsablauf von Elementarteilchen

Der Roman gliedert sich in drei Teile, dazu treten noch eine Einleitung und ein Epilog. Inhaltlich begleitet die Leserschaft die, aus der Perspektive je eines der Brüder erzählten, Ereignisse. Hinzutreten, insbesondere bei dem sexbesessenen Bruno, Rückblenden. Eine zentrale Figur, die nur am Rande auftaucht, ist die Mutter Janine (oder Jane), an der sich beide Brüder abarbeiten, Michel durch ignorieren und verdrängen, Bruno durch mehrere, reichlich tragische Versuche, irgendwie eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Die gebräunten und teils recht jungen Hippie-Liebhaber der Mutter, die sich an ihrem Sohn mehr stört als sonst etwas, machen das Ganze nicht besser. Und dann sind da die Frauen, Christiane und Annabelle, die einen kurzen Schimmer der Hoffnung auf die Leben der Brüder werfen, als diese die 40 hinter sich lassen. So tragisch das Ganze am Ende für beide der Brüder ausgeht, die beiden Frauenfiguren bleiben mehr oder weniger zweidimensional und Mittel zum (erzählerischen) Zweck und der Leser und die Leserin lernt sie hauptsächlich durch die Augen der Brüder kennen. Auch mit dem Verlust gehen die beiden Brüder grundsätzlich unterschiedlich um. Bruno erlebt eine psychische Krise und verbringt den Rest seines Lebens in der Psychiatrie. Michel wendet sich stattdessen der neuen Technik des Klonens zu und geht an ein Institut in Galway, Schottland. Dort widmet er sich ganz seinen Forschungen und den Grundlagen einer neuen, geschlechtslosen und unsterblichen Menschenrasse, die keine Individualität mehr besitzt und sich allein durch Klonen fortpflanzt.

Verfilmung des Romans von Houellebecq durch Oskar Roehler

Die Verfilmung von Elementarteilchen durch Oskar Roehler hatte im Jahr 2006 im Rahmen der 52. Berlinale Premiere und wurde mit einem silbernen Löwen für den besten Hauptdarsteller (Moritz Bleibtreu) ausgezeichnet. Wie man sich leicht denken kann, hebt der Film eher auf die Psychologie der Charaktere und ihre Wechselseitige Bedingung ab und weniger auf die eigentlich zentralen, kulturkritischen Momente des Romans. Obwohl der Film generell eher als einer der besseren deutschen Filme aus den Nullerjahren angesehen wird, lohnt sich das Anschauen im Vergleich mit der Lektüre des Romans nicht. Dafür sind zu viele der Feinheiten, Spitzen und Widerlichkeiten, die Houellebecq seinen Protagonisten mitgibt, einfach zu schwierig oder überhaupt nicht filmisch zu fassen.

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