Maigret und die Affäre Saint-Fiacre

Dieser Maigret Roman entstand und erschien als Erstausgabe im Jahr 1932 im französischen Verlag Fayard. In deutscher Übersetzung erschien das Buch erstmals 1958 bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Maigret und das Geheimnis im Schloss“. Spätere Ausgaben des Diogenes Verlages, der inzwischen Simenon im deutschsprachigen Raum vertritt, halten sich in der Form „Maigret und die Affäre Saint-Fiacre“ deutlich näher am Originaltitel (L´Affaire Saint-Fiacre). Der kurze Roman gilt bis heute als einer der besonders gelungenen, wenn auch nicht unbedingt typischen, Maigrets und ist Teil der „ersten Staffel“ von 19 Maigret Romanen, die ab 1929/1930 entstanden. Wie eine Reihe anderer Romane spielt auch die „Affäre Saint-Fiacre“ nicht in Paris, dem eigentlichen Hauptort des Maigret-Universums, sondern in der burgundischen Kleinstadt Moulins.

Maigret in Moulins

Bei der Polizei in der kleinen burgundischen Stadt Moulins geht ein Schreiben ein, in dem ein Verbrechen am bevorstehenden Allerseelen angekündigt wird. Auch wenn man dies weder bei der Polizei von Moulins noch am Quai des Orfévres in Paris, dem Sitz der Police Judiciaire und Maigrets Arbeitsplatz, sonderlich ernst nimmt, ergreift der Kommissar die Gelegenheit, nach Moulins zu reisen, wo er vor 42 Jahren im Schloss Saint-Fiacre geboren wurde und welches er seit dem Tod seines Vaters, der als Verwalter auf dem Schloss angestellt gewesen war, nicht mehr besucht hat. Während Maigret viele alte Bekannte und Erinnerungen wiederfindet, darunter die inzwischen gealterte Gräfin, die für ihn als Jungen der Inbegriff an Schönheit und Kultiviertheit gewesen ist, und das nach dem Tod des Grafen heruntergekommene Schloss, scheint in Moulins, abgesehen von der Gräfin, kaum jemand in dem schweren, berühmten Kommissar aus Paris den dürren, kleinen Jules von früher wiederzuerkennen. Während der Messe an Allerseelen erleidet die Gräfin aufgrund einer Zeitungsmeldung, die jemand in das Gebetsbuch geschmuggelt hat, einen Herzanfall und verstirbt.

Tod der Gräfin und die Ermittlungen Maigrets

In der kurzen und, wie sich kurz darauf herausstellt, gefälschten Zeitungsnotiz wird vom Selbstmord des Sohnes der Gräfin aufgrund von Spielschulden berichtet. Der Sohn hält sich allerdings in der Nähe auf und ist quicklebendig und hat sogar seine Geliebte dabei. Nur das mit den Spielschulden stimmt und diese sind auch der Grund seiner Anwesenheit in Moulins. Dann sind da noch die jungen Sekretäre, von denen gemunkelt wird, dass sie auch die Liebhaber der Gräfin sind, diese aber vor allem des Geldes wegen ausnehmen. Auf den momentanen Sekretär fällt dann auch der erste Verdacht, auch wenn streng genommen ja gar kein wirkliches Verbrechen vorliegt. Maigret ermittelt in diesem Roman auch eigentlich nicht. Er treibt eher in einer stetigen Vermischung und Spiegelung von Vergangenheit und Gegenwart durch diesen Roman und greift nur wenig wirklich handelnd ein. Die „Affäre“ selbst wird am Ende denn auch nicht durch Maigret aufgelöst, sondern durch den Sohn und Erben der Gräfin, der alle Verdächtigen und Beteiligten auf das Schloss zu einem Dinner einlädt. Dies erinnert vom Ablauf her an Walter Scott, der sogar in einer Kapitelüberschrift dezidiert genannt wird, was höchst ungewöhnlich für Simenon ist, sowie an Agatha Christie, auch wenn die für diese Autorin so typischen kriminologischen Puzzle in anderen Maigret Romanen so gut wie komplett fehlen. Die Verbrechen werden bei Maigret meist nicht durch analytische Detektivarbeit, sondern durch einen feinen, psychologischen Kunstgriff aufgelöst. Zudem kommt es am Ende nicht einmal zu einer Verhaftung, da kein justiziables Verbrechen begangen worden ist.

Simenons Stil

Wie bei Simenon kaum anders zu erwarten, bedient sich der Autor auch bei den Maigret Romanen seines einfachen, klaren Stils, mit dem es ihm trotzdem gelingt, dichte Atmosphäre und Spannung herzustellen. Die „Affäre Saint-Fiacre“ macht da keine Ausnahme. Dabei hat die Simenon-Forschung herausgefunden, dass der Autor in seinem Werk meist mit einem Basisvokabular von lediglich 2000 Wörtern auskommt und Fremdwörter oder schwierige Ausdrücke beinahe komplett vermeidet. Dies bezieht sich natürlich auf die französische Sprache, Abweichungen in Übersetzungen entstehen allein schon durch Vorlieben der jeweiligen Übersetzenden. Mit ihrem Basiswortschatz (einmal abgesehen von einigen veralteten Wörtern und Redewendungen) eignen sich die Romane Simenons so durchaus auch für die relativ einfache Lektüre im französischen Original, wenn man über die nötigen Grundkenntnisse in dieser Sprache verfügt.

Besonderheiten des Romans “Maigret und die Affäre Saint-Fiacre”

Was den Roman „Maigret und die Affäre Saint-Fiacre“ von allen anderen Maigret Romanen unterscheidet, ist die Vermischung und Spiegelung der Zeitebenen. Ein „normaler“ Maigret kann durchaus auch in der Provinz spielen, wie z. B. „Maigret und der gelbe Hund“, angesiedelt im bretonischen Finisterre, in kaum einem anderen Roman erfährt man jedoch etwas über die Jugend des Kommissars und seine Herkunft. Darüber hinaus wird die hier in den Erinnerungen Maigrets allgegenwärtige Vergangenheit nicht nur neben die Gegenwart gestellt, sondern mit dieser unentwegt in Beziehung gestellt. So erinnert der Messdiener Maigret an sich selbst als Jungen und seine Zeit als Messdiener, die Gegenwart spiegelt immer wieder die Vergangenheit. Nimmt man die recht klare Einteilung der handelnden Personen und die – deutlicher als sonst in Maigret-Romanen übliche – Gegenüberstellung von (moralischem) Gut und Böse, dann kann man beinahe von einer Verquickung des Kriminalromans mit Stilmitteln des Märchens sprechen, trägt die zugrunde gelegte Struktur doch durchaus mythische Züge. Die dichte Beschreibung der Örtlichkeiten, die bei einem Besuch in Moulins auch nachzuvollziehen sind, haben Ursprung in Simenons Anstellung bei Raymond de Tracy während der 20er Jahre. Dessen Hauptwohnort war neben Paris eben jenes Schloss in Moulins, das Simenon gut kannte und mit dessen Verwalter er eine freundschaftliche Beziehung pflegte.

Fazit zu Simenons „Affäre Saint-Fiacre“

Der Roman „Maigret und die Affäre Saint-Fiacre“ bildet einen guten, wenn auch untypischen Einstieg in das kriminalistische Universum rund um den behäbigen Pariser Kommissar, den man in diesem Buch besonders gut kennen lernt. Wer es sich halbwegs zutraut, sollte auch ruhig zum Original greifen, die Maigret-Romane Simenons sind ein dankbarer Lesestoff auf Französisch und wenig anspruchsvoll, während man gleichzeitig sein Französisch aufpoliert – und das schadet ja eigentlich nie.

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