Vater Goriot

Der Roman „Vater Goriot“ (im Original: Pére Goriot) aus dem Jahr 1834 gilt weithin als einer der bedeutendsten Romane des Autors und als so etwas wie der Ausgangspunkt des nach und nach von Balzac entwickelten Projekts der „Menschlichen Komödie“. So tritt hier mit Eugéne de Rastignac zum ersten Mal ein Charakter in zentraler Position auf, der schon in dem einige Jahre zuvor entstandenen Roman „Das Chagrinleder“ von Balzac genutzt wurde. Während Rastignac im Chagrinleder schon ein alter Mann ist, tritt er der Leserschaft in dem im Jahr 1819 angesiedelten Roman „Vater Goriot“ als junger Mann von kaum zwanzig Jahren entgegen, der gerade aus der Provinz nach Paris gekommen ist, um sein Glück zu machen. Auch andere zentrale Personen des Romans wie der Baron Fréderic de Nucingen, dessen Frau, eine Tochter Goriots, und der brillante Verbrecher Vautrin (bürgerlicher Name: Jacques Collin), der es im balzacschen Universum später noch zum gefeierten Polizisten bringen wird, sind sozusagen eine stetige Begleitung, wenn man mehrere der Romane liest.

Balzacs Kunstgriff des Personals der “Menschlichen Komödie”

Insgesamt treten in der finalen Fassung des Romans 48 Personen auf, die in Neben- oder Hauptrollen in anderen Büchern der „Menschlichen Komödie“ wiederauftauchen. Rastignac, der neben Goriot die Hauptperson des Romans ist und der die angeblich „wahre“ Geschichte reflektierend und dabei mitunter im Konflikt mit dem auktorialen Erzähler kommentierend begleitet, lernt durch Beobachtung und auf dem Weg seinen Platz in der Welt zu finden, seine „provinzielle“ Integrität und moralischen Vorstellungen zu hinterfragen, ohne dabei allerdings vollkommen kompromittiert zu werden. Der Einfluss dieses Romans auf die französische Literatur ist enorm und „Rastignac“ ist gar zu einem heute allerdings veralteten Spitznamen für ehrgeizige junge Männer geworden, die ziemlich rücksichtslos an ihrem gesellschaftlichen Aufstieg arbeiten.

Inhalt des Romans „Vater Goriot“

Goriot, der es während der französischen Revolution und unter Napoleon mit Getreidespekulationen und einer Nudelfabrik zu Geld gebracht hat, ist alt geworden. Sein Vermögen hat er fast gänzlich seinen beiden Töchtern überschrieben, die er innig liebt. Wie ein „petit chien“ (Schoßhund) wünscht und erwartet er kaum mehr, als an deren Leben teilnehmen zu dürfen. Die Töchter, eine verheiratet mit einem Adeligen, die andere mit dem skrupellosen Bankier Nucingen, nutzen ihren Vater schamlos aus und lassen ihn, seines Vermögens bar, wenn nur im Privaten an ihrem Leben teilnehmen. Am Ende stirbt Goriot „wie ein Hund“ in einem ärmlichen Haus, indem auch Rastignac und der Verbrecher Vautrin Pensionäre sind. Dabei wünscht er sich nichts anderes, als dass seine Töchter, die ihn so schlecht behandelten, an seiner Seite sein mögen. Im Hintergrund spielt die Stadt Paris eine zentrale Rolle. Die Figuren bewegen sich dabei vor allem durch drei gesellschaftlich ganz unterschiedliche Quartiere: Die aristokratisch geprägte Gegend um den Boulevard Saint-Germain, das neureiche Quartier bei der rue de la Chaussée-d´Antin sowie die heruntergekommene Gegend am Montagne Saint-Geneviéve, wo Goriot, Rastignac und Vautrin wohnen. Dabei wird der Unterschied zwischen den Stadtteilen lebendig und die teils schlimme Armut ziemlich unverhohlen dargestellt, der die verschwenderische Prunksucht der Aristokratie und der reich gewordenen „Gesellschaft“ gegenübergestellt wird.

Balzacs Paris und die “neue Zeit”

Schätzungen zufolge lebten damals bis zu drei Viertel der Pariser Bevölkerung in Armut, gleichzeitig verdoppelte sich selbige zwischen 1800 und 1830 durch die einsetzende Industrialisierung und die mit dieser einhergehenden Landflucht. Während Balzac den auktorialen Erzähler mit einem sozusagen „wissenschaftlichen“ Blick die sozialen Strukturen beinahe herzlos analysieren lässt, steht diesem der junge und noch von seinen aus der Provinz beibehaltenen moralischen Idealen geleitete Rastignac gegenüber, der so etwas wie ein menschliches Gegengewicht bildet, dabei aber auch lernt, worauf es in dieser „neuen Zeit“ ankommt, um den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen.

Hintergrund, Themen, Einfluss von Balzacs Vater Goriot

Es darf bezweifelt werden, dass es sich bei „Vater Goriot“ um eine „wahre Geschichte“ handelt, wie dies von Balzac postuliert wurde. Dafür erscheint die Person des Goriot mit seiner blinden Vaterliebe doch zu exemplarisch, wenn auch nicht gänzlich unmöglich. Die Postulation von „wahren Begebenheiten“ war damals (und ist es ja manchmal bis heute) ein beliebtes Mittel, um die Neugier des Publikums zu reizen. Der große Verdienst des Romans ist die Verschränkung von mehreren, teils ganz unterschiedlichen Ebenen und Genres. Vordergründig geht es um Vaterliebe, einen alten Mann, der die neuen Zeiten nicht mehr versteht und einen herzlosen frühen Kapitalismus, in dem auf geradezu schauerliche Weise allein Stärke zählt und Sitten, Moral, Ehre außer als prunkvolle Kulisse nichts mehr Wert sind.

Daneben ist „Vater Goriot“ aber mit der zentralen Figur des Eugéne de Rastignac auch ein Bildungsroman, bei dem man die Einsichten des aus der Provinz stammenden, verarmten jungen Adeligen begleitet. Vautrin, der einen nicht geringen Einfluss auf den jungen Rastignac ausübt, die man in der literaturwissenschaftlichen Analyse auch schon einmal als Faust (Rastignac) und Mephistopheles (Vautrin) identifiziert, ist völlig aufgegangen in der neuen Zeit und bildet mit seiner herzlosen und teils brutalen Verfolgung seiner Ziele so etwas wie den Gegenpol zu Goriot, der an seinem „Herz“, dem coeur, der Liebe zu seinen Töchtern festhält, obwohl er deren niedere, allein von Gier getriebene Motive und Undank durchschaut.

Historische Personen in Balzacs Menschlicher Komödie und Einfluss auf die französische Literatur

Die Figur Vautrins basiert dabei locker auf der historischen Person Eugéne Francois Vidocq, den Balzac 1834 traf. Dieser Vidocq wurde wie Vautrin vom Verbrecher zum Polizisten, gründete und leitete die „Sûrete Nationale“, so etwas wie die erste Kriminalpolizei überhaupt, und gilt daneben als erster echter Privatdetektiv. Neben Balzacs Vautrin inspirierte Vidocq unter anderem auch Charaktere von Victor Hugo und Edgar Allen Poe.

Innerhalb der „menschlichen Komödie” ist „Vater Goriot“ in die Szenen aus dem privaten Leben (Scéne de la vie privée) eingereiht und gilt, wie eingangs schon angemerkt, als eines der einflussreichsten und besten Bücher des Autors. Der französische Schriftsteller Félicien Marceau bemerkte dazu gar einmal: „Wir (die Literaturschaffenden) sind alle Kinder von Vater Goriot“. Ein größeres Lob kann man einem Roman als Autor oder Autorin wohl kaum machen. Zur Zeit des Erscheinens war die Kritik gemischt, der Roman allerdings ein Erfolg beim Publikum. Dabei wurde Balzac vor allem vorgeworfen, seine Personen zu korrupt und moralisch zu verdorben zu zeichnen, worüber dieser sich freilich freute, denn dies ungeschminkte aufzeigen von typisierter Gesellschaft ist ja genau sein Anliegen gewesen.

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