Bücher, die mein Leben verändert haben

Linda Tutmann

Bücher sind wie gute Freunde. Manche Freundschaften halten ein Leben lang. Man sucht immer wieder den Austausch mit ihnen, andere entpuppen sich als Lebensabschnittgefährten, die nur für eine kurze Zeit einen bedeutsamen Platz im Leben einnehmen, wieder andere erweisen sich als eine Art konstanter, wegweisender Kompass. Hier stellen Euch Autor*innen genau solche Bücher vor. Bücher, die ihr Leben verändert haben. Diesmal ist es die Berliner Journalistin und Autorin Linda Tutmann.

 

Linda Tutmann, 38, Journalistin, Reporterin und Autorin

2019 ist ihr Essayband African Dream erschienen, in dem sie „Lebensgeschichten und Haltungen, Orte und politische Ereignisse einfängt, die wie die Splitter eines Kaleidoskops die vielen Schattierungen der südafrikanischen Gesellschaft“ einfängt.

 

Als Kind und Jugendliche habe ich wahnsinnig viel gelesen, selbst auf Kindergeburtstagen habe ich mich immer in eine Ecke verkrochen und ein Buch aus dem Regal gezogen.

 

Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter von Klaus Kordon

Es gibt wenige Bücher, die ich so sehr liebe, wie dieses Buch. Die Roten Matrosen von Klaus Kordon habe ich mit 14 Jahren zu Weihnachten von meinen Eltern geschenkt bekommen. Als Kind und Jugendliche habe ich wahnsinnig viel gelesen, selbst auf Kindergeburtstagen habe ich mich immer in eine Ecke verkrochen und ein Buch aus dem Regal gezogen. Die anderen Kinder waren mir nach einer Weile oft zu viel. Meine Bücher nie!

Die Bücher aus meiner Jugendzeit haben mich stark geprägt – und die Roten Matrosen gehören auf jeden Fall dazu.

Die Roten Matrosen ist der erste Band der Jugendbuchreihe “Trilogie der Wendepunkte“ von dem Autor Klaus Kordon. „Die roten Matrosen“ handelt von der Zeit zwischen 1918 und 1919, der zweite Teil der Trilogie spielt 1933, kurz vor Hitlers Machtergreifung, und der dritte am Ende des Zweiten Weltkrieges, 1945. Im Zentrum steht eine Berliner Arbeiterfamilie, die in der Ackerstraße in einem Hinterhaus wohnt. Die Zeit zwischen den Weltkriegen hat mich schon damals sehr interessiert: Wie konnten die Nationalsozialisten an die Macht gelangen? Nach der Lektüre der Buchreihe war ich fest entschlossen, später Geschichte zu studieren. Mit 19, kurz nach dem Abitur, bin ich mit meinem besten Freund nach Berlin gefahren. Wir sind tatsächlich auch die Ackerstraße von Berlin-Mitte bis zum Gesundbrunnen entlang gelaufen. Alles war ziemlich grau und kalt, aber ich wusste, wenn ich Geschichte studiere, dann in dieser Stadt, in der die Geschichte so lebt. Für meine mündliche Prüfung am Ende des Studiums, in der es um die Zeit nach dem ersten Weltkrieg ging, habe ich die Trilogie tatsächlich noch mal herausgeholt. Und wenn ich das Buch jetzt wieder in der Hand halte, habe ich total Lust, es erneut zu lesen.

 

 

Emily auf der Moon-Farm von Lucy Maud Montgomery

Ein anderes Jugendbuch, das ich früher unzählige Male gelesen habe, ist Emily auf der Moon-Farm von Lucy Maud Montgomery. Emily wächst, nachdem ihre Eltern gestorben sind, bei ihren schrulligen Tanten auf der verwunschenen „New Moon Farm“ auf. Jeden Abend schreibt sie im Kerzenschein (auf der Farm gibt es nur tagsüber Strom) bis tief in die Nacht kleine Geschichten – und ist davon überzeugt, irgendwann einmal eine berühmte Autorin zu werden. Als Jugendliche war Emily mein Vorbild, auch ich schrieb Gedichte und träumte davon Schriftstellerin zu werden. Ich mochte Emily so sehr, dass ich mit 11 oder 12 Jahren den Vorsatz hatte, meine Tochter später Emily zu nennen.  Am 80. Geburtstag meiner Großmutter habe ich zufällig herausgefunden, dass auch sie mit Zweitnamen Emilie heißt. Nun habe ich seit wenigen Monaten eine Tochter – ihr zweiter Name ist Emilie.

 

Die subtile Spannung, der unterschwellige Konflikt, die Verletzungen und das Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß, die das Land bis heute prägen, greift das Buch „Schande“ auf.

 

Schande von J.M. Coetzee

Wenn mich jemand fragen würde, welches Buch er oder sie über Südafrika lesen sollte, dann dieses. Schande des südafrikanischen Autoren und Nobelpreisträgers J.M.Coetzee spielt nach dem Ende der Apartheit und der Aufhebung ihrer brutalen Rassengesetze. Ein Professor der Universität Kapstadt beginnt eine Affäre mit einer jungen Studentin. Als die Beziehung auffliegt, muss er die Universität verlassen und flieht zu seiner lesbischen Tochter aufs Land. Eines Tages werden sie von ihren Nachbarn überfallen und ausgeraubt, seine Tochter vergewaltigt.


2006 reiste ich zusammen mit meinem Bruder während der Semesterferien durch Südafrika. In Kapstadt wurden wir von weißen Südafrikanern zu einer Grill-Party eingeladen auf der wir uns nicht sonderlich wohl gefühlt haben. Ich erinnere mich noch heute an ihre rassistischen Kommentare, die immer deutlicher wurden, je länger der Abend dauerte und je mehr der Alkoholspiegel stieg. Als ich Jahre später von Recherchen aus Kenia zurückkam, fiel mir „Schande“ in die Hände. Ich hatte es Jahre zuvor bei meiner Großmutter im Regal entdeckt, bis dahin aber nie gelesen. Die subtile Spannung, der unterschwellige Konflikt, die Verletzungen und das Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß, die das Land bis heute prägen, greift das Buch auf und hat mich ziemlich verstört zurückgelassen. Coetzees  Sprache ist dabei nüchtern und klar, so frei ist von Pathos und Wertung, das ich das Buch, einmal angefangen kaum aus der Hand legen konnte. Ich musste an die Party denken, an diesen beklemmenden Abend, den wir relativ abrupt beendete hatten.

Ziemlich genau zehn Jahre später bin ich für knapp ein Jahr nach Südafrika gegangen, um von dort als Reporterin zu arbeiten. „Schande“ hatte mich irgendwo verstört, aber auch in den Bann dieses Landes gezogen.

Die bedrückende Grundstimmung aus dem Buch, spürte ich immer wieder während meiner Zeit dort. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, war mein Kopf voll. Ich hatte das Gefühl, so viel noch nicht geschrieben, die Komplexität und Vielschichtigkeit des Landes noch nicht ausreichend thematisiert zu haben, so dass ich mit meiner Arbeit an „African Dream“ begann.

 

Mbembe beschreibt Afrika als einen Kontinent, in dem Welten zirkulieren – wo ein Kommen und Gehen herrscht und Migration zur DNA des Kontinents gehört.

 

Ausgang aus der langen Nacht – Versuch über ein entkolonisiertes Afrika von Achille Mbembe

Das führt mich eigentlich auch schon zum nächsten Buch – zu Ausgang aus der langen Nacht – Versuch über ein entkolonisiertes Afrika von Achille Mbembe. 2018 habe ich angefangen, meine Gedanken zu meiner Zeit in Südafrika in mehreren Essays aufzuschreiben, aus denen dann am Ende mein Buch „African Dream“ entstanden ist. Zu Beginn des Schreibens war ich unsicher: Braucht es noch ein Buch einer weißen Europäerin über Südafrika? Ich habe in meinem Leben keinen Rassismus erfahren – zu dem Thema, welches für das Land, seine Geschichte und seine Bewohner so grundlegend ist, kann ich nicht viel sagen.

Bei meinen Recherchen habe ich unter anderem den Philosophen Achille Mbembe gelesen. Er gehört zu den größten Denkern Afrikas, wurde in Kamerun geboren und lehrt heute in Johannesburg an der renommierten Witwatersrand-Universität. Mbembe beschreibt den Kontinent als einen, in dem Welten zirkulieren – wo ein Kommen und Gehen herrscht, er spricht von einer „Kultur der Mobilität“ und von einer Migration, die zur zentralen DNA des Kontinents gehört. Dies zu lesen, war extrem befreiend für mich. Seine Theorie und sein Blick auf diesen Kontinent waren für mich eine wahre Offenbarung und so voller Optimismus, dass sein Buch mich ermutigt hat, weiter an meinem Buch zu arbeiten. Ich hatte plötzlich das Gefühl, Teil dieser DNA zu sein.

 

 

Brief an eine Zoowärterin aus Calais von Emmanuel Carrère

Emmanuel Carrères Texte und Reportagen haben mir oft geholfen, wenn ich mit dem Schreiben und meiner Arbeit als Journalistin gehadert habe.

Seine Texte sind so großartig, dass sie einen immer wieder motivieren, an seinen eigenen Texten bis ins Unendliche zu feilen.

In seiner Reportage Brief an eine Zoowärterin aus Calais sollte er eigentlich im Auftrag einer französischen Zeitung eine Reportage über das Flüchtlingslager in der französischen Hafenstadt Calais schreiben. Doch während seines gesamten Aufenthaltes dort betritt er den so genannten „Dschungel“ nicht ein einziges Mal. Stattdessen beschreibt er Calais, die Bewohner und ihren Blick auf das Flüchtlingslager. Carrère zeigt sehr beeindruckend, dass es nicht notwendig ist, das Elend des Lageralltages und das traurige Schicksal der Geflüchteten in seinen Details und mit O-Tönen der Betroffenen einzufangen, um sich diesem Thema zu nähren. In seiner Reportage erfährt man sehr viel eindrücklicher etwas über den „Dschungel“, als in manch anderer Reportage, bei der der Reporter oder die Reporterin durch das Lager stapft und den Geflüchteten ein Mikrophon unter die Nase hält. Der Text und die Frage, wie „voyeuristisch“ ein Journalist oder eine Journalistin sein muss, hat mich noch ziemlich lange beschäftigt. Die Kunst etwas auszulassen, beherrscht Carrere auf jeden Fall – und den Mut dazu hat er auch.

 

Eventuell ist das auch das Schönste am Leben: Die Nichtplanbarkeit, das Chaos – und vielleicht auch das Scheitern.

 

Frühlingserwachen von Isabelle Lehn
Isabelle Lehn, die Autorin des Buches habe ich bei einer Podiumsdiskussion erlebt – dort war sie so schlagfertig, so selbstironisch und klug, dass ich ihr Buch einfach gekauft habe, ohne viel darüber zu wissen. Und eigentlich war es genauso: Sehr klug, sehr lustig und sehr wahr.
In Frühlingserwachen schreibt Isabelle Lehn über Isabelle Lehn – sie lässt offen, wie viel von ihrem Leben tatsächlich in dem Buch steckt. Es wurde darüber natürlich viel spekuliert, aber eigentlich ist das ziemlich egal. Das Buch folgt einer manisch-depressiven Schriftstellerin bei ihren Versuchen, mithilfe von künstlicher Befruchtung schwanger zu werden, wie sie verzweifelt nach einem Verlag für ihr Manuskript sucht und sich auch sonst vielen Fragen stellt, die man sich eben mit Mitte 30 stellt. Eigentlich lese ich nicht gerne Bücher, die von meiner Generation handeln, weil sie schnell ziemlich selbstreferentiell und selbstmitleidig geraten. Frühlingserwachen hingegen hat nichts davon und das alleine ist schon ziemlich toll. Isabelle Lehn hat sich ihr Leben in den 30ern anders vorgestellt. Stattdessen schlittert sie mit großer Lust am Scheitern, am Unperfekten durch ihren Alltag, nichts scheint planbar und zu gelingen. Dass einen das für eine Weile in eine Depression stürzen kann, ist glaube ich, keine Überraschung. Beim Lesen ihres Buches begreift man, dass das aber vielleicht auch das Schönste am Leben ist: Die Nichtplanbarkeit, das Chaos – und vielleicht auch das Scheitern.

 

Protokolle: Lesley Sevriens

Fotos: Valeria Mitelman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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