Literatur und Reisen – eine alte Liebe

Charles Filiger, Paysage de Pouldou, ca. 1892, Original im Musée des Beaux Arts Quimper

Über Reiseliteratur

Reisezeit ist Lesezeit. Wieso also nicht beides verbinden und zu einem Stück Reiseliteratur greifen? Der letzte ganz große Hit in diesem Genre war wahrscheinlich Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ (Piper, 2015), in dem der sonst als Komiker bekannte Autor seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg anschaulich und mit viel Humor erzählt und kommentiert. Diese Verbindung von Reise und Literatur geht dabei weit, weit zurück bis zu den Anfängen der Literatur überhaupt. Schon ein Teil des Gilgamesch-Epos, der wohl ältesten epischen Erzählung der Menschheit, von der wir heute wissen, handelt zum Teil von der Reise dieses Königs Gilgamesch auf der Suche nach Unsterblichkeit, die ihn in fremde Länder führt. Auch Homers Odyssee ist – wenn man es so betrachten möchte – eine Reisebeschreibung durch die der alten griechischen Bevölkerung bekannte und von allen möglichen Fabelwesen wie Zyklopen und Sirenen bekannte Welt.

Das Motiv des Reisens

Ein Grund für die enge Verbindung der Literatur mit dem Motiv des Reisens und der Bewegung durch Zeit und Raum ist die Notwendigkeit von Ereignissen, Erleben, Handlung, die – zumindest bis Ende des 19. Jahrhunderts und die sich verstärkende Verlagerung in die Innenschau, das Psychologische – die Voraussetzung für erzählende Literatur darstellte. Heute kann man einen Roman ohne Handlung schreiben, wurde ja auch schon des Öfteren mal getan, trotzdem ist und bleibt Bewegung und nicht selten das Reisen ein fester Bestandteil der Literatur. Nun muss man nicht jeden Roman, bei dem sich eine Person von A nach B bewegt auch als Reiseliteratur bezeichnen. Um den Begriff genauer zu fassen, geht es auch um die genaue Beschreibung und Auseinandersetzung mit den bereisten Gegenden. So kann man Don Quixote in gewisser Weise als Reiseliteratur ansehen, während Moby Dick von Herman Melville eher nicht in diese Kategorie fällt, obwohl es dort beinahe konstant kreuz und quer auf der Jagd nach dem „Weißen Wal“ über die Weltmeere geht.

Reiseliteratur Klassiker

  • Homers Odyssee: der Klassiker unter den Klassikern, in dem man Odysseus, Herrscher von Ithaka und Teil der Armee, die Troja eroberte, auf seinem langen, von den Göttern verfluchtem Heimweg begleitet, der ihn und seine geschundene Mannschaft durch das – teils imaginierte – Mittelmeer führt. Auch in Form von Nacherzählungen erhältlich.
  • Die Reisen des Marco Polo: zuletzt bei Insel Taschenbuch in moderner Übersetzung neu verlegt (Die Wunder der Welt, Il Milione) sind die Reiseerzählungen des venezianischen Kaufmannes Marco Polo, den es bis an den chinesischen Kaiserhof verschlägt, bis heute wohl das Vorbild für das Genre der Reiseliteratur und war schon zu seiner Entstehungszeit im 14. Jahrhundert ein beliebtes Buch, für damalige Verhältnisse wahrscheinlich sogar ein Bestseller, sind doch über 150 handschriftliche Abschriften bis heute erhalten geblieben.
  • Herz der Finsternis: Joseph Conrads bekannte Erzählung, die unter anderem als lose Vorlage für Francis Ford Coppolas Apocalypse Now diente, passt hier zwar nicht hundertprozentig rein, dafür verwandelt Herz der Finsternis das Motiv des Reisens selber in ein Symbol des Verfalls und der Selbstfindung. Immer stromaufwärts geht es da, tiefer und tiefer hinein in die dampfenden Dschungel Afrikas. Zudem kreist das gesamte Werk Conrads, der in seinen jungen Jahren zur See gefahren ist, um das Motiv des Reisens, weshalb der Autor hier unbedingt einen Platz verdient hat.
  • Die Insel Sachalin: ein Reisebericht des berühmten russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow, in welchem dieser eindringlich die Zustände in den Strafkolonien auf dieser Insel am Ende der Welt beschreibt. Düster, realistisch, echt und unter die Haut gehend. Unbedingte Leseempfehlung, wenn auch nicht allzu leicht erhältlich, da das Buch lange nicht mehr neu verlegt wurde!
  • In 80 Tagen um die Welt: Jules Vernes imaginierte, atemlose Reise mit den Transportmitteln des ausgehenden 19. Jahrhunderts begeistert auch heute noch. Das liegt auch mit an den ebenso sympathischen wie spleenigen Protagonisten Phileas Fogg und dessen Diener Passepartout (französisch: passt überall) und dem hohen Erzähltempo, dass die Leserschaft mitreißt auf diese von einer Wette getriebene, völlig irrsinnige Wettfahrt. Heute schafft man die Reise an zwei Tagen. Im Flugzeug. Ziemlich langweilig irgendwie. Auch für Jugendliche geeignet!

Moderne Reiseliteratur

  • Irisches Tagebuch: es wurde Zeit, endlich mal ein deutscher Autor, Heinrich Böll, der in diesem Reisebericht seine wahlverwandtschaftliche Liebe zu Land und Leuten auf der grünen Insel verewigt. Genau das richtige Brevier für alle Irland-Reisenden. Für Dublin unbedingt auch James Joyces Dubliner oder Ulysses einpacken!
  • Eat, Pray, Love: der Bestseller von Elizabeth Gilbert ist immer noch in aller Munde und die beschriebene, genussvolle Reise und Selbstfindungstour der Heldin Elizabeth (die man getrost mit der Autorin gleichsetzen darf) schlägt bis heute immer neue Leserinnen und Leser in ihren Bann. Es geht nach Italien, in ein indisches Ashram und nach Bali. Da wollten Sie bestimmt auch überall schon mal hin!
  • Traumpfade: der teils autobiographisch geprägte Roman des britischen Schriftstellers Bruce Chatwin nimmt die Leserschaft mit auf eine Reise quer durch das Herz Australiens und nimmt sich dabei insbesondere den australischen Ureinwohner*innen und ihrer Kultur an. Ein großes, wundervolles Buch, das man auch lesen sollte, wenn gerade keine Australienreise ansteht. Ein weiteres bekanntes Reisebuch des Autors ist In Patagonien, das dem Leser und der Leserin die wilde Natur des äußersten Südens Südamerikas nahebringt.
  • Unterwegs: das Buch als Roadmovie und haltlose Suche nach dem „IT“ – Jack Kerouacs bekanntester Roman hat ganze Generationen von Jugendlichen in seinen Bann gezogen und mehrere Subkulturen von den Beatniks bis zu den Hippies stark beeinflusst. Ein literarische Reise kreuz und quer durch die Weiten der USA, die man unbedingt einmal gelesen haben muss.
  • Tschick: die rasante Fahrt von zwei grundverschiedenen jugendlichen Ausreißern durch Ostdeutschland, nach Tschechien und zurück, ganz ohne Führerschein und Landkarte hat den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf auf einen Schlag bekannt gemacht. Aufgrund eines wenig später diagnostizierten Hirntumors nahm sich Hermsdorfer das Leben – zurück bleibt ein schmales und unbedingt zu entdeckendes Oeuvre auch jenseits vom Publikumserfolg Tschick.

Eine Liste ist eine Liste ist eine Liste – Eure Kommentare sind gefragt!

Klar: Die von uns hier ausgewählten Bücher über, um und mit dem Motiv des Reisens reißen noch nicht mal die Spitze des Eisberges wirklich an. Andererseits macht eine unendlich lange Liste mit Titeln und Autor*innen irgendwie auch keinen Sinn – und vor allem keinen Spaß. Welche Reiseromane habt ihr verschlungen? Seid ihr deswegen vielleicht sogar auf eine Reise aufgebrochen, um den Orten in diesen Büchern nachzuspüren? Welche Perlen haben wir schändlich vergessen zu erwähnen? Wir freuen uns auf eure Kommentare und viele spannende Anregungen!

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