Nino Haratischwili – zwischen den Welten und Identitäten

 

 

Fotos by: Jewgeni Roppel

Schriftsteller.de Interview

 

Nino Haratischwili, ihr Name klingt nach einer geheimnisvollen Romanfigur, ist eine preisgekrönte Theaterregisseurin, Dramatikerin und Autorin. Anfang der Achtziger wurde sie im georgischem Tiflis geboren, seit 2003 lebt und arbeitet sie in Hamburg. Haratischwili hat für ihr kreatives Schaffen bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Wir haben mit der talentierten Autorin über ihr Heimatland, die Anfänge ihres Schreibens, über das Wesen der Sprache sowie über das Schreiben in Zeiten von Corona gesprochen.

 

Wer sich die Liste ihrer Auszeichnungen und Preise auf Wikipedia anschaut, wird den Verdacht nicht los, dass jegliche Zeile, die Nino Haratischwili zu Papier bringt, beziehungsweise in die Tastatur tippt, preis- und förderungsverdächtig ist. Sie inszeniert Theaterstücke für renommierte Spielstätten wie das Hamburger Thalia Theater oder Kampnagel Hamburg. Der Sender Arte hat Haratischwili für eine Dokumentation in ihre Heimat Georgien begleitet und sich von ihr die in die literarische Literaturszene einführen lassen, außerdem hat sie bereits vier Romane veröffentlicht. Ihr Debütroman Juja stand auf der Longlist für den Deutschen Bruchpreis, ihr zweiter Roman Mein sanfter Zwilling wurde mit dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage ausgezeichnet. Für das achte Leben (Für Brilka), erhielt sie ein Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung, ihr 2018 erschienener Roman Die Katze und der General wurde für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert.

 

Du bist in Tiflis geboren und hast dort Filmregie an der staatlichen Schule für Film und Theater studiert. 2003 bist du dann nach Deutschland gezogen, um Theaterregie an der Theaterakademie Hamburg zu studieren. Wie kamst du auf die Idee, ausgerechnet in Hamburg zu studieren?

Das war purer Zufall. Ich wollte in Deutschland studieren und habe mich bei diversen Schulen in Berlin, München und Hamburg beworben. Hamburg hat einfach als erstes geklappt. Und dann bin ich ziemlich unvorbereitet in die Hansestadt gekommen. Ohne, dass ich hier Bekannte oder einen Bezug zur Stadt hatte.

 

Wie kamst du denn überhaupt dazu, nach Deutschland zu gehen?

Mitte der Neunziger, als ich 12 war, ist meine Mutter aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gezogen und hat mich damals mitgenommen. Mit 14 bin ich dann allerdings wieder zu meiner restlichen Familie nach Tiflis zurückgegangen. Meine Schule dort war der deutschen Sprache und Kultur sehr verbunden. Ich hatte dort Deutschunterricht. Ich sprach die Sprache also schon. Und mit Anfang zwanzig wollte ich unbedingt noch einmal weg und woanders studieren. Da war Deutschland sehr naheliegend.

 

 

Neben dem Russischen ist Deutsch die Sprache, in der man die Dinge am genauesten beschreiben kann.

 

 

Wie unterscheidet sich die deutsche Sprache von der georgischen?

Die beiden Sprachen sind sehr unterschiedlich – vom Klang, von der Struktur und auch geschichtlich betrachtet. Georgisch ist eine bislang sehr wenig erforschte Sprache, die zur kaukasischen Sprachfamilie gehört. Niemand, außer den 3,7 Millionen Georgiern und ein paar Verrückten, die diese Sprache lernen, versteht sie. Deutsch ist eine großartige Schreibsprache. Ich würde sagen, neben dem Russischen ist Deutsch die Sprache, in der man die Dinge am genauesten beschreiben kann. Sie hat eine verblüffende Präzision. Man kann für jedes Gefühl, für jeden Zustand, für jede Örtlichkeit die passenden Wörter finden. Georgisch ist nicht so direkt wie die deutsche Sprache, sondern sinnlich, poetisch und umschreibend. Man spricht eher durch die Blume. Deshalb ist Georgisch eine tolle Sprache für Lyrik.

 

Inwiefern ist die „Doppelperspektive“, mit der du durchs Leben gehst hilfreich im Alltag?

Ich bin in beiden Ländern und Kulturen nie so ganz zu Hause, sondern habe eine gewisse Distanz entwickelt. Zweigeteilte Biografien ermöglichen einem jedoch auch unermesslich viele Freiheiten. Du nimmst viele Dinge wahr, die du nicht siehst, wenn du komplett absorbiert bist von einer Kultur und wenn du nicht ständig diese Vergleiche machst. Mein Hirn setzt die Dinge automatisch immer in Bezug: ‘In Deutschland wäre das jetzt so, die Georgier würden das anders machen.’ In diesen Vergleichen merkt man, wie unterschiedlich Dinge gehandhabt werden können und dass es weniger um richtig oder falsch geht, sondern darum zu erkennen, dass es auch anders geht.

 

 

Distanz ist mir sehr wichtig beim Schreiben. Ich brauche immer Abstand, um Dinge beschreiben zu können.

 

Hilft dir es beim Schreiben aus zwei Welten zu kommen?

Ja, ich habe dadurch einen viel distanzierteren Blick zu bestimmten Dingen. Und Distanz ist mir sehr wichtig beim Schreiben. Ich brauche immer Abstand, um Dinge beschreiben zu können. Ich kann nie eins zu eins etwas zu Papier bringen.

 

Tiflis, deine einstige Heimatstadt erlebt seit einigen Jahren einen totalen Boom. DJs aus aller Welt legen in den Clubs der Stadt auf (wenn nicht gerade Corona herrscht). Überall eröffnen stylische Bars und Szene-Cafés, es gibt eine extrem lebendige Kreativ- und Kulturszene, weshalb die Stadt auch als „Berlin des Ostens“ bezeichnet wird. Was macht den Reiz dieser Stadt für dich aus?

Die Stadt ist ein Ort der Ambivalenz und Wiedersprüche. Tiflis ist super traditionell und konservativ und zugleich extrem modern und eine sich im Aufbruch befindende Metropole. Ich finde es unheimlich spannend, dass Tiflis so im Werden ist. Der Findungsprozess, also das Herausfinden ‘Wer sind wir? Wie wollen wir sein? Wo wollen wir hin?’ läuft inzwischen seit 30 Jahren. Gerade die jüngere Generation, die nicht in der Sowjetunion geboren wurde, ist viel freier und kreativer, als die sowjetisch geprägten Generationen, die noch sehr stark in Strukturen gefangen sind. Sie sind bestimmt von der Denke, als Individuum könne man eh nicht viel erreichen. Dahinter steckt eine gewisse Trägheit. Die Jüngeren hingegen geben ihre Verantwortung nicht einfach irgendwo ab, sondern gestalten ihr Leben selbst. Ich glaube, dieser Prozess und der andauernde stetige Wandel machen den Reiz dieser Stadt aus. Hinzu kommen die Gastfreundlichkeit, das leckere Essen und die Genusskultur. Allerdings hasse ich den Verkehr in Tiflis und den Bauwahn dort. Die vielen hässlichen Hochhäuser, die derzeit hochgezogen werden, finde ich schrecklich.

 

Welche Gefühle hegst du allgemein für Georgien?

Georgien ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von dem Land. Ich merke allerdings: Je länger ich in Deutschland lebe, desto georgischer werde ich.

 

Wie meinst du das?

Seit ich Kinder habe, frage ich mich, welche Werte ich meinen beiden Töchtern vermitteln möchte, was sie von mir lernen sollten. Und vieles von dem, was mir in den Sinn kommt, hat mit Georgien zu tun. Beispielsweise der offene Umgang mit Emotionen, der Sinn für Haptik und das Herzliche. Als ich damals in Georgen gelebt habe, habe ich diese Offenheit und Nähe gehasst, ich wollte bloß meine Ruhe habe. Aber inzwischen gibt es eine merkwürdige Umkehrung und ich merke, dass das ganz wunderbare Werte sind.

 

 

Ich habe mich lange nicht getraut zu sagen, dass ich Schriftstellerin bin. Das kam mir sehr kokett und ambitiös vor.

 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Seit ich denken kann, habe ich geschrieben. Ganz intensiv wurde es dann in der Pubertät. Ich habe nie Tagebuch geschrieben, sondern habe immer schon Geschichten erfunden. Allerdings habe ich mich lange nicht getraut zu sagen, dass ich Schriftstellerin bin. Das kam mir sehr kokett und ambitiös vor. Dennoch habe ich immer weiter geschrieben. Außerdem war ich immer schon ein Lesekind, das Bücher verschlungen hat. In der Schule habe ich dann eine Theater-AG mitgegründet. Ich habe angefangen, eigene Stücke zu schreiben und gemerkt, dass mir das irrsinnig viel Spaß macht. In Deutschland wurde das Schreiben dann immer akuter und mir wurde bewusst, dass ich aufhören muss, Schreiben als Hobby zu behandeln. Mit Anfang 20 habe ich dann den ersten öffentlichen Schritt gewagt und im Rahmen eines Studienprojektes einen eigenen Text verfasst. Das war mein erster Text, den ich Deutschland veröffentlicht habe und er kam sehr gut an. Von da an habe ich gemerkt, dass ich mich mehr bemühen muss und habe dann schließlich auch einen Theaterverlag gefunden.

 

Deine Bücher werden inzwischen von dem Verlag der Autoren sowie von der Frankfurter Verlagsanstalt publiziert. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Der ‘Verlag der Autoren’ verlegt ausschließlich Theaterstücke. Ich bin auf Empfehlung dorthin gelangt. Meine Stücke werden inzwischen seit vielen Jahren von dem Verlag publiziert und ich bin sehr glücklich über die Zusammenarbeit. Obwohl ich schon viele Theaterstücke publiziert hatte, hat es dann allerdings noch mal sehr lange gedauert, bis ich einen Verlag für meine Prosa gefunden habe. Drei Jahre lang habe ich das Manuskript meines ersten Romans an Verlage geschickt. Irgendwann, über viele Ecken und persönliche Kontakte habe ich schließlich den kleinen Berliner ‘Verbrecher Verlag’ dazu überredet, mein Buch zu veröffentlichen. Das war ein langer anstrengender Weg. Ich war damals allerdings auch sehr naiv und wusste nicht, dass es Literaturagenten gibt und so weiter.

 

Ich glaube, dass es sehr vielen Schriftsteller*innen so ergeht und dass viel Aufklärungsbedarf in diesem Berufsfeld besteht …

Ja, das stimmt.

Apropos dein erster Roman: Dein Romandebüt Juja handelt von der Kraft der Sprache und erzählt von der lebensverändernden Wirkung, die Literatur haben kann. In dem Fall von Frauen, die sich nach dem Lesen eines dünnen Büchleins das Leben nehmen.

Es handelt sich dabei vor allem um eine sehr schräge Story, die auf einer wahren Begebenheit basiert. ‘Juja’ ist deshalb sehr schwer in ein bestimmtes Genre einzuordnen und das Experimentellste, das ich je geschrieben habe.

 

Ist der Roman eine Anlehnung an Die Leiden des Jungen Werther?

Ja, es gibt auf jeden Fall Parallelen. Es waren allerdings ausschließlich Frauen, die nach der Lektüre von ‘Die Eiszeit’ von Jeanne Saré Selbstmord begangen haben. Es gibt heute noch eine Art freakige Sekte, die das Buch, das in den 50ern geschrieben wurde, anbeten. Damals hieß es, eine 17-jährige habe das Buch verfasst und danach Selbstmord begangen. Inzwischen geht man davon aus, dass der Verfasser ein Mann war.

 

Wie erging es dir denn, nachdem du ‘Die Eiszeit’ gelesen hattest?

Das Buch ist sehr anarchistisch, sehr pornografisch, sehr bibellastig und blutrünstig. Aber man muss so etwas ja auch immer im Kontext der Zeit einordnen. Mich hat es nicht XX…

 

Welche Literaten, beziehungsweise Werke haben dein Denken nachhaltig verändert?

Oh, da gibt so viele. Jeder Lebensabschnitt wird ja von sehr unterschiedlichen Büchern, Musikern und Filmen begleitet. Ich bin auf jeden Fall sehr geprägt von der griechischen Mythologie, die habe ich als Kind schon gerne gelesen. Das ist eine große Inspirationsquelle. Außerdem bin ich leidenschaftlicher Fan russischer Literaten, allen voran von Michail Bulgakov. Und ich liebe die Lyrik von Marina Zwetajewa, eine Autorin, zu der ich immer wieder zurückkehre. Und natürlich bedeutet mir Shakespeare viel. Ein unfassbar tolles Buch, das seit Jahren immer wieder auf meinem Schreibtisch landet, ist ‘Warum das Kind in der Polenta kocht‘ von Aglaja Veteranyi, eine Autorin, die sich mit Ende 30 das Leben genommen hat. Ich liebe auch Philip Roth. Ich lese einfach viel und querbeet, alles, was mich thematisch interessiert. Ich liebe es, neue Sachen zu entdecken.

 

 

Ich empfinde Schreiben als großes Geschenk, denn es bietet die Möglichkeit, das Leben sehr genau und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

 

In deinen Romanen beschäftigst dich mit dem der menschlichen Psyche und mit politischen Themen, wie dem zerfallenden Sowjetreich und dem Tschetschenien-Krieg. Hat Schreiben eine Art therapeutische Wirkung für dich?

Ich glaube nicht, dass das Schreiben mich heilt oder dass ich nach dem Verfassen eines Romans gegen bestimmte Dinge gewappnet oder weiser bin. Ich glaube, es geht eher um eine Öffnung. Darum, Dinge zuzulassen. Schreiben hat sehr viel mit Verletzlichkeit zu tun und damit, dass das Geschriebene irgendetwas mit dir macht. Du bist in dem Moment wie eine Art Sieb, durch das alles hindurchfließt. Schreiben ist eine interessante Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust. Ich baue zunächst eine Art Gerüst und habe einen Plot aber ich weiß nie, wie ich von A nach B komme und was auf der nächsten Seite passiert. Ich lasse mich häufig einfach mitreißen.

 

Das klingt sehr abenteuerlich.

Ich empfinde Schreiben als großes Geschenk, denn es bietet die Möglichkeit, sich bestimmte Dinge im Leben sehr genau und aus unterschiedlichen Perspektiven anzuschauen. Beim Schreiben kann ich ein 80-jähriger Mann oder eine 15-Jährige Anfang des 20. Jahrhunderts sein und komplett verschiedene Leben eintauchen.

 

Wie wirkt sich eigentlich Corona derzeit auf dein (Arbeits-)leben aus? Als freischaffende Künstlerin und Mutter von zwei kleinen Töchtern bist du ja sicherlich unmittelbar von der Krise betroffen …

Ich glaube, wie für alle berufstätige Eltern, besonders für Frauen, ist es schwer, alle Bereiche unter einen Hut zu kriegen. Ohne Kita ist es gerade natürlich besonders extrem. Aber dank der Unterstützung meiner Mutter und anderer Menschen geht es irgendwie. Was mir derzeit am meisten fehlt ist die für mich dringend notwendige Regelmäßigkeit beim Schreiben. Wann immer es möglich ist, fahre ich gerade zu einer Freundin ins Atelier. Dort kann ich in Ruhe zu schreiben. Leider schaffe ich das nicht in der Konstanz, die ich mir wünschen würde. Aber ich hoffe, dass sich bald alles wieder einrenken wird.

 

 

Woran arbeitest du aktuell?

Ich arbeite gerade an einem Roman, der hoffentlich irgendwann dieses Jahr fertig wird. Zum Glück habe ich keine Deadline. Außerdem habe ich kürzlich zum ersten Mal ein Kinderstück fertiggestellt. Das war eine Auftragsarbeit für ein Kinder- und Jugendtheater in Gelsenkirchen. Das war eine komplett neue Erfahrung für mich und hat große Freude gemacht.

 

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch?

Ich lese gerade ‘Unrast’ von der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Das Buch erkundigt das Reisen in seinen unterschiedlichsten Facetten und ist eine super interessante Mischung aus Roman und Sachbuch.

 

Interview: Lesley Sevriens

Fotos: Jewgeni Roppel

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