Rot ist mein Name

Istanbul im ausgehenden 16. Jahrhundert. Der talentierte Miniaturmaler und Ornamentierer Fein Efendi wird tot am Grunde eines Brunnens gefunden. Zusammen mit seinen Kollegen „Olive“, „Schmetterling“ und „Storch“ hat er im Geheimen an einem illuminierten (mit Miniaturen und Ornamenten verziertem) Buch für den Sultan Murad III. gearbeitet, das im „westlichen“ Stil der späten Renaissance gehalten sein und neben figürlichen Darstellungen auch Portraits und perspektivische Darstellungen enthalten soll, um aller Welt zu beweisen, dass die Hofwerkstatt auch diese Techniken beherrscht. Nun steht dies ebenso gegen die Tradition der islamischen Buchkunst, die ansonsten häufig allein mit Ornamenten arbeitet, wie gegen das Bilderverbot im Islam, welches vor allem bei Sunniten und Sunitinnen ausgeprägt ist und sich nicht aus dem Koran selbst, sondern aus anderen Quellen und Interpretationen speist. Im Buch ist die Auseinandersetzung um das Bilderverbot eines der zentralen Themen, dem im Spannungsverhältnis des Mordes und einer Liebesgeschichte nachgegangen wird. Dabei ist die sich anschließende Untersuchung des Mordes durch den Protagonisten Kara Efendi und seiner Werbung um seine Jugendliebe Seküre hoch spannend und nimmt auch andere bei Pamuk häufig vorkommende Themen wie die Emanzipation der Frau auf.

Handlungsablauf in Rot ist mein Name

Um dem Geheimnis des Mordes und dem sich anschließenden Diebstahl der letzten Seite des Buches auf den Grund zu gehen, folgt die Leserschaft Kara Efendi durch das osmanische Istanbul. Hier treten neben den anderen Buchmalern, die durchaus unterschiedliche Ansichten vertreten, auch radikale Prediger auf, die das Volk aufwiegeln, es kommt zu einigen Verfolgungsjagden, zu Begegnungen mit fanatischen Menschen, es treten Derwische auf und nach und nach entfaltet sich das ganze Panorama des Orients. Kurz bevor Efendi das Geheimnis aufdecken kann, stirbt der Sultan und das gesamte Buchprojekt wird eingestellt. Efendi kehrt zu seinem Job als Bürokrat zurück und heiratet Seküre. Auch der Mörder kommt nicht ungeschoren davon, während die Buchmaler, die im Zentrum der Untersuchung standen, Istanbul verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen, da sich mit dem neuen Sultan auch die Einstellung gegenüber der Buchkunst grundlegend ändert.

Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“: ein literarisches Fest

Schicken wir es gleich voraus: Dieses Buch ist ein literarisches Fest der Sonderklasse. Dabei lassen der Hintergrund und das Setting eher an einen Historien-Roman denken, was dieser so wunderbar konstruierte und gewobene Roman nebenbei auch ist, womit er sich durchaus auch für jüngere Leserinnen und Leser eignen kann. Der Hintergrund des osmanischen Istanbul wird von Pamuk jedoch allegorisch auf die moderne Türkei und ihre innere Zerrissenheit bezogen. Dabei steht die Spannung zwischen islamischer und westlicher Tradition ebenso im Zentrum wie die Auseinandersetzung mit dem islamischen Bilderverbot, das ja auch im christlichen Glauben seine Entsprechungen hat, ob bei Luther oder den ostkirchlichen Ikonoklasten. Auch Pamuks Liebe zur Malerei, der als Junge einmal den Wunsch hatte, Maler zu werden, kann hier nachempfunden werden. Der Roman bedient sich dabei erzählerisch verschiedenster Techniken und einer beinahe märchenhaften Sprache. Insbesondere das Verweben der Erzählperspektiven ist meisterhaft konstruiert. Mal sprechen die Hauptfiguren aus ihrer eigenen, subjektiven Sicht, mal erzählt die Farbe Rot, die eines der Leitmotive ist, mal selbst der Satan, der auch so seine eigenen Ansichten hat. Dazwischen, wie Mosaiksteine gesetzt, stehen Fabeln und Miniaturen, die häufig von dem berühmten persischen Buchillustrator Behzat (ca. 1460 bis 1536) handeln, der als Großmeister der persischen Buchkunst gilt und für die osmanischen Buchmaler das große Vorbild ist, dem sie nacheifern.

Orhan Pamuk – ein unbedingt entdeckenswerter Autor von Weltrang

Für mich war „Rot ist mein Name“ die erste Berührung mit Orhan Pamuks Werk und ich war gleich hingerissen. Die märchenhafte, manchmal gar blumige Sprache, die sich so wunderbar mit der ambitionierten und feinsinnigen Erzählstruktur verbindet, ist für europäisch geprägte Leserinnen und Leser herrlich neu und frisch. Die verhandelten Themen, ob man sie nun durch eigenes Wissen mit der modernen Türkei in Verbindung bringt oder nicht, sind auch allein in historischer Perspektive spannend und die Idee, Teile der Ereignisse von einer Farbe erzählen zu lassen, ist geradezu einzigartig. Zudem liest sich dieser Roman gleichzeitig als spannender historischer Abenteuer- und Kriminalroman wie als Spiegel der modernen Türkei und richtet sich so an alle möglichen Arten von Leserinnen und Lesern. Wer endlich mal seine Angst vor „anspruchsvoller“ Literatur ablegen möchte, ist gut beraten, sich von Orhan Pamuk in diesem Roman ins osmanische Istanbul entführen zu lassen und den märchenhaften Erzählungen der Farbe Rot zu lauschen.

Schriftsteller.de Redaktion

Collagenbilder oben von:

https://www.amazon.de/Rot-ist-mein-Name-Roman/dp/3596156602 und orhanpamuk.net

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