Rad und Tat – Wer sein Fahrrad liebt …

 

 … der lebt zwischen und auf den Rädern. Im Japanischen gibt es das schöne Wort ‘Ikigai’, das so viel wie ‘Lebenssinn’ bedeutet. Im besten Fall schenkt einem der eigene Beruf Lebenssinn und wird somit zur Berufung – zur schicksalsmäßigen Bestimmung. So wie bei Rüdiger Loops, 59, Inhaber des Hamburger Fahrradladens Rad und Tat Ottensen. Wir haben mit dem passionierten Radfahrer und Radliebhaber darüber gesprochen, weshalb das Rad seiner Meinung nach das perfekte Fortbewegungsmittel ist, worin seine Leidenschaft fürs Radfahren begründet liegt und warum unsere Verkehrsräume dringend anders aufgeteilt werden müssten.

 

 

Warum machst du, was du machst?

Ich habe ursprünglich Drucker gelernt und dann auf dem zweiten Bildungsweg Volkswirtschaft studiert. Ich bin immer schon wahnsinnig viel und gerne Rad gefahren und habe das Studium finanziert, in dem ich in einem Fahrradladen gearbeitet und Räder zusammengeschraubt habe. Nach meinem Studium habe ich dann in einem Kieler Fahrradladen angefangen zu jobben. Das war eigentlich nur für ein halbes Jahr gedacht, dann sind daraus acht Jahre geworden. Anschließend habe ich dann in der Branche viele verschiedene Stationen durchlaufen – vom Einzelhandel, über den Großhandel bis zum Importeur.

 

Seit wann führst du deinen Hamburger Fahrradladen Rad und Tat Ottensen?

Ich führe den Laden seit 16 Jahren, es gibt ihn aber bereits seit 36 Jahren. Meine Vorgänger haben gemeinsam mit bundesweiten Fahrradläden die VSF Fahrradmanufaktur mitgegründet. In den 80er-Jahren gab es bis dato kaum gute, robuste langlebige Alltags- und Reiseräder. Sie haben wahre Pionierarbeit geleistet und maßgeblich dazu beigetragen, dass es heute Räder mit verschiedenen Rahmengrößen, Ausstattungen etc. gibt.

 

Wann wurde das Rad eigentlich „neu erfunden“, also das allererste straßentaugliche Rad überhaupt entwickelt?

Die genaue Jahreszahl weiß ich nicht aus dem Kopf. Aber Karl von Drais hat vor über 200 Jahren das Laufrad erfunden. Später kam der Kettenantrieb und dann hat ein englischer Hersteller die Luftreifen erfunden. Die ersten Räder waren noch Hochräder. Die mit dem großen Vorderrad und einem ganz kleinen Hinterrad. Die waren allerdings lebensgefährlich, auf denen konnte man kaum fahren.

 

 

Wie viele Fahrräder besitzt du?

Ich besitze inzwischen sechs Fahrräder.

 

Woher rührt deine Leidenschaft fürs Radfahren?

Ich bin immer schon gerne draußen und in der Natur gewesen. Im Alter von 15 habe ich meine erste Fahrradtour gemacht – ich bin ganz alleine von Hamburg nach Düsseldorf gefahren. Das Fahrrad ist einfach ein super Medium, um mühelos große Strecken zurückzulegen. Es ist ein simples Produkt, das man überall mitnehmen kann und dass im Zweifel schnell zu reparieren ist, wenn etwas daran kaputt geht.

 

Auf dem Rad lernt man Deutschland ganz anders kennen.

 

Machst du heute auch noch regelmäßig Radtouren?

Ja, einmal im Jahr mache ich mit meinen alten Studienkollegen eine Tour durch Deutschland. Jedes Mal suchen wir uns eine neue Strecke raus. Diesmal ist es der Hessen-Radweg. Wir fahren mit dem Zug nach Mannheim und von dort aus in mehreren Etappen nach Kassel. Auf dem Rad lernt man Deutschland ganz anders kennen. Man hat eine vollkommen andere Reisegeschwindigkeit als beim Auto und bekommt wesentlich mehr Landschaft zu sehen, als wenn man zu Fuß unterwegs ist.

 

Besitzt du überhaupt ein Auto?

Wir haben ein Auto, aber ich selbst fahre so gut wie nie damit. Meine Frau nutzt es gerne, da es praktisch ist. Allerdings fährt sie genauso gerne Rad wie ich und radelt jeden Tag 15 Kilometer zur Arbeit.

 

In Hamburg gibt es keine klare Entscheidung zugunsten der Radfahrer. Die oberste Priorität hat immer noch der fließende Autoverkehr.

 

 

Hamburg bezeichnet sich selbst ja als „Fahrradstadt“. Wird die Hansestadt ihrem Ruf gerecht?

Eine Fahrrad- und Fußgängerstadt funktioniert nur, wenn man den Verkehrsraum anders aufteilt. In Hamburg gibt es keine klare Entscheidung zugunsten der Radfahrer und Fußgänger. Die oberste Priorität hat immer noch der fließende Autoverkehr. Man kann Hamburg natürlich nicht mit Städten wie Kopenhagen vergleichen, weil die eine ganz andere Verkehrsstruktur haben. Wir haben jede Menge Straßenbäume, weshalb man nicht einfach wie in Kopenhagen parallel zu Straße vernünftige Radwege anlegen kann, ohne dass es für die Autofahrer und auch für die Fußgänger enger wird.

 

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?

Besonders ältere Menschen und Kinder fühlen sich auf Hamburgs Straßen als Radfahrer extrem unsicher. Dabei gäbe so viel Platz, doch der wird aktuell vor allem von ruhenden Autos beansprucht.

 

Worin liegt der Reiz der Selbstständigkeit?

In der Freiheit, selber etwas zu entwickeln. In meinem Beispiel, einem Geschäft, das es schon sehr lange gibt, einen Stempel aufzudrücken. Jedes gute inhabergeführte Fachgeschäft ist immer eng mit dem Wesen des Inhabers verbunden. Das eine ist das Produkt, das andere ist, wie ich ein Geschäft führe. Der Spirit muss einfach stimmen.

 

Welcher Part deiner Arbeit gefällt dir am meisten?

Das Gespräch mit dem Kunden. Und wenn Menschen sich hinterher bei uns bedanken und unszurückmelden, dass sie sich gut beraten fühlen. Neulich habe ich gemeinsam mit einem Kunden 20 Minuten an der Sitzposition seines Fahrrads gefeilt. Später hat er mir Honig von seinen eigenen Bienen als Dankeschön vorbeigebracht.

 

Gibt es auch anstrengende Situationen?

Man kann es natürlich nie allen recht machen. Aber ich finde es reizvoll, selbst in schwierigen Situationen eine Lösung zu finden. Schwierige Situationen lassen sich nur auflösen, indem man aufeinander zugeht und gemeinsam nach einer Lösung sucht.

 

Jede Fahrt, die mit dem Fahrrad gemacht wird und nicht mit dem Auto, ist eine gute Fahrt. Hauptsache, die haben Spaß beim Fahren.

 

Was hältst du eigentlich von E-Bikes?

Jede Fahrt, die mit dem Fahrrad gemacht wird, ist eine gute Fahrt. Aktuell gibt es noch eine große Diskrepanz zwischen Stadt und Land – E-Bikes verkaufen sich auf dem Land viel besser als in der Stadt, da es in der Stadt kaum Stellplätze für sie gibt. Aber langsam aber sicher nehmen sie auch in der Stadt zu.

 

Was für ein Verhältnis hast du zu deinen Mitarbeitern und nach welchen Kriterien suchst du sie aus?

Das sind viele Quereinsteiger, so wie ich. Von meinen drei Verkäufern ist der eine Fotograf, der andere Mathematiker, und der dritte hat Heizungsmonteur gelernt. Die Jungs, die in der Werkstatt arbeiten, wurden alle hier ausgebildet. Das sind vor allem begeisterte Techniker. Beim Verkauf sind die Freude am Produkt und der Spaß am Verkaufen enorm wichtig. Verkauf funktioniert nur über Glaubwürdigkeit. Inzwischen bilde ich seit elf Jahren aus. Mein allererster Auszubildender, der vor 11 Jahren mit einem Schulpraktikum begonnen hat, arbeitet immer noch hier.

 

Zum Glück geht es allen Kollegen gut. Das Arbeiten mit Mundschutz ist längst Alltag geworden.

 

Wie wirkt sich Corona auf dein Geschäft aus?

Im März und April lief es sehr bescheiden. Aber inzwischen haben wir eher das Problem, dass wahnsinnig viele Kunden kommen, die in ihrem Urlaub in Deutschland bleiben und unter anderem Fahrradtouren machen möchten. Es gibt eine verstärkte Nachfrage aber keine Ware mehr. Die Lieferanten sind alle komplett ausverkauft, da der Großteil aus Fernost kommt und weil sie dort seit drei Monaten nicht mehr produzieren konnten. Wir könnten viel mehr Räder verkaufen, aber es gibt einfach keine mehr. Das gilt übrigens auch für Ersatzteile. Aber zum Glück geht es allen Kollegen gut. Das Arbeiten mit Mundschutz ist längst Alltag geworden.

 

Hast du für unsere Leser*innen einen schönen Fahrradtour-Tipp?

Es gibt in Deutschland wahnsinnig viele schöne Radstrecken. Da gibt es natürlich den Elbe- oder den Donauradweg. Diese Strecken sind allerdings so beliebt, dass sie inzwischen einen leichten Autobahn-Charakter haben. Aber in jeder Stadt, auch in Hamburg, gibt es viele Strecken, die die meisten gar nicht kennen. Von Eppendorf kann man etwa wunderbar an der Kollau entlang stadtauswärts fahren. Oder den Elbuferweg bis Wedel.

 

Wie planst du deine Touren?

Früher bin ich noch nach Generalkarten gefahren. Da gab es ja nichts anderes. Heute plane ich meine Strecken mit der Fahrrad-Navi-App Komoot. Was aber ebenfalls super als Streckenplaner funktioniert, ist Bikeline. Da sind die Fahrradwandertouren super und ganz klassisch auf Papier und Karte dargestellt. Und wenn das Wetter mal schlecht ist, sucht man sich einfach eine Bahnstrecke raus und fährt mal ein Stück mit dem Zug.

 

Welches Buch über Fahrräder kannst du unseren Leser*innen abschließend ans Herz legen?

Mein Lieblingsbuch aus meiner „Fahrrad-Bibliothek“ ist Das Geheimnis des Fahrradhändlers von Sempé. Das Buch ist eine wunderschöne Hommage an das Fahrrad und an die Freundschaft, gepickt mit großartigen Zeichnungen.

 

Protokolle: Lesley Sevriens

Fotos: Silje Paul

 

 

 

 

 

 

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