Schriftstellerin Olga Grjasnowa – Eine, die Buchstaben liebt

 

Vor beinahe zehn Jahren hat die Schriftstellerin Olga Grjasnowa ihr Romandebüt, der den poetischen Titel Der Russe ist einer, der Birken liebt trägt, verfasst. Für diesen Roman hat die russische Muttersprachlerin, die im Südkaukasus geboren wurde, zahlreiche Auszeichnungen erhalten und spätestens seit diesem Erstlingswerk ist klar, dass es sich um eine Autorin handelt, die die deutsche Sprache und ihre russisch-jüdischen Wurzeln auf romantische und tragikomische Weise miteinander verwebt. Wir haben mit der Autorin über den konstruktiven Umgang mit Kritik, sowie über systematische Diskriminierung in punkto Aufenthaltsstipendien gesprochen und darüber, warum sie nur schreibend denken kann.

 

Nach Olga Grjasnowas Debüt folgte 2014 Die juristische Unschärfe einer Ehe und 2017 Gott ist nicht schüchtern. In diesem Jahr wurde ihre Geschichte Privilegien als Beitrag in dem Buch Eure Heimat ist unser Albtraum veröffentlicht. Im September ist mit „Der Verlorene Sohn“ ihr dritter Roman erschienen.

 

Du hast zunächst Kunstgeschichte und Slawistik studiert und bist dann an das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig gewechselt, um „Literarisches Schreiben“ zu studieren. Wann ist dir erstmals bewusst geworden, dass Sprache dein Ausdrucksmittel ist?

Zu Schreiben war ein Traum von mir. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es zumindest bis jetzt möglich ist. Ich bin eigentlich nicht davon ausgegangen, dass ich überhaupt am Literaturinstitut in Leipzig angenommen werde, bei 700 Bewerbungen auf gerade mal 20 Plätzen. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich eine Chance auf einen Studienplatz haben würde. Aber auf einmal hat es geklappt und dann wusste ich, dass ich diesen Weg gehen werde.

 

Anfang September ist dein neuester Roman „Der Verlorene Sohn“ im Aufbau Verlag erschienen. Das Buch handelt von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaukasiern und Russen. Was hat dich an dem historischen Stoff gereizt?

Dass der Stoff so gegenwärtig ist. Die Geschichte hat sich so oder zumindest fast genau so im 19. Jhr. ereignet, und viele Prämissen des damaligen Konfliktes sind heute noch sehr präsent. Es geht um Zugehörigkeit, Koloniasition und Wiederstand. All diese Fragen erschienen mir so modern. Deshalb hat mich der Stoff so gereizt und natürlich auch aufgrund meiner biografischen Nähe.

Ich glaube, man kann sich gar nicht wirklich aussuchen, worüber man schreibt.

 

In deinen Büchern erzählst du von Diktaturen, Machtverhältnissen und von staatlicher Gewalt – warum ist es dir ein Bedürfnis, von den politischen und sozialen Missständen dieser Welt zu erzählen?

Ich glaube, man kann sich gar nicht wirklich aussuchen, worüber man schreibt. Mich beschäftigt vor allem staatlich organisierte Gewalt und wie es dazu kommen kann, dass Gruppen kreiert werden, die andere ausschließen.

 

Ich kann nur denken, wenn ich schreibe. Für die Denkbewegung brauche ich das Schreiben.

 

Inwiefern hilft dir das Schreiben, Weltgeschehnisse und Zusammenhänge besser zu begreifen?

Ich kann nur denken, wenn ich schreibe. Ich brauche einen Stift in der Hand, um mir Notizen zu machen oder irgendetwas zu strukturieren. Für die Denkbewegung brauche ich das Schreiben. Das ist für mich eigentlich der einzige Zugang zur Welt – und natürlich auch das Lesen.

 

Dein Besteller „Gott ist nicht schüchtern“ wurde kürzlich im Berliner Ensemble uraufgeführt. Der 2017 erschienene Roman handelt von den drei syrischen Freund*innen Amal, Youssef und Hammoudi, deren bis dato privilegiertes Leben über Nacht aufgrund des bis heute anhaltenden Syrienkrieges vollkommen aus den Angeln gehoben wird. Du hast den Text nun erstmals für die Bühne bearbeitet. Wie fühlt es sich an, wenn der eigene Roman neu erzählt, von Schauspielern verkörpert und von Bühnenbildnern visualisiert wird?

Seltsam. Das ist inzwischen schon mein dritter Roman, der für die Bühne adaptiert worden ist. Mein erstes Buch wird aktuell von Plan Beck mit Aylin Tezel in der Hauptrolle verfilmt. Dadurch, dass ich vom Schreiben komme, achte ich im Theater sehr darauf, ob das Stück texttreu ist, oder nicht. Das ist für Schauspieler*innen und für die Regie der Albtraum schlechthin, denn du hast immer jemanden da sitzen, der darauf pocht, dass auf der Bühne alles genauso ausgesprochen wird, wie es geschrieben worden ist. Aufgrund von Corona wurde das ursprüngliche Regiekonzept bei „Gott ist nicht schüchtern“ plötzlich hinfällig. Das heißt, es mussten noch mal alle Szenen dahingehend geändert werden, dass ein Mindestabstand eingehalten werden kann. Das war ziemlich anstrengend, für die Regisseurin und due Schauspieler*innen natürlich.

 

Inwiefern wirkt sich Corona aktuell auf dein Arbeiten aus?

Da ich zwei Kinder habe, war es zu der Zeit, als die Kitas geschlossen hatten mit dem Arbeiten ehrlich gesagt so gut wie vorbei. Mein jetziger Arbeitsalltag jedoch ist wieder mehr oder weniger normal. Aber natürlich ist die ganze Situation schon eine andere. Es gibt beispielsweise viel weniger Lesungen als sonst, und sie finden vor einem sehr kleinen Publikum statt. Seit dem Beherbergungsverbot ist es aber auch selbst mit diesen so gut wie vorbei. Das ist eine merkwürdige Atmosphäre, aber ich bin trotzdem sehr froh, dass überhaupt wieder etwas stattfindet. Außerdem hatte ich Glück, dass mein Buch nicht im Frühjahr erschienen und komplett in die Versenkung geraten ist. 

 

Was möchtest du schreibender Weise zum Ausdruck bringen?

Das weiß ich nicht. Am Ende habe ich immer das Gefühl, dass ich es nicht geschafft habe, das auszudrücken, was ich eigentlich sagen wollte. Denn für mich ist das auch immer wieder die Motivation, noch mal neu anzufangen.

 

Wann weißt du, dass du den Stoff für einen neuen Roman gefunden hast?

Eigentlich kurz bevor ich den aktuellen Roman abschließe. Dann kommt mir die Idee zu einem neuen Buch.

 

 

Das heißt, du hast schon längst die Idee für einen neuen Roman?

Jetzt gerade arbeite ich an einem Sachbuch, das im Frühjahr im Duden-Verlag erscheinen soll – ein 80-seitiges Essay über Mehrsprachigkeit.

 

Eine Auftragsarbeit?

Der Verlag ist auf mich zugekommen. Das war für mich also eine gute Möglichkeit, mich mit dem Thema intensiver auseinanderzusetzen.

 

Bei den meisten staatlichen Aufenthaltsstipendien sind keine Kinder erlaubt  – eine systematische Diskriminierung.

 

In den vergangenen Jahren hast du zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten – unter anderem den renommierten „Anna Sehgers-Preis“. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen?

Sie sind natürlich eine große Ehrung, eine Bestätigung der Arbeit und eine finanzielle Möglichkeit, um weiterzuarbeiten und sich mehr Zeit zu erkaufen, was wichtig ist. Wusstest du übrigens, dass bei den meisten staatlichen Aufenthaltsstipendien keine Kinder erlaubt sind? Ob in der „Villa Aurora“ in Los Angeles oder anderswo –  fast überall auf der Welt findet in dem Bereich eine systematische Benachteiligung von Frauen und Alleinerziehenden statt.

 

Tatsächlich? Das ist ja erschreckend rückschrittlich.

 Aus diesem Grund kommen für Autorinnen mit Kindern viele Aufenthaltsstipendien gar nicht erst in Frage. Einer der Begründungen ist es, dass die Kinder andere Stipendiaten beim Schreiben stören könnten. Das führt dazu, dass beispielsweise in einer heterosexuellen Beziehung, in der beide Partner schreiben, oder wenn der Mann eine besser bezahlte Festanstellung hat (was gar nicht so selten ist) in den meisten Fällen der Mann das Stipendium  annehmen kann und nicht die Frau.

 

 

Gute Kritik kann bitterböse und zugleich ein literarisches Meisterwerk sein.

 

Das klingt extrem unzeitgemäß … Aber ein anderes Thema: Als publizierende Autorin setzt du dich zwangläufig auch der öffentlichen und speziell der feuilletonistischen Kritik aus. Wie gut kannst du mit Kritik umgehen? Liest du dir die Kritiken überhaupt durch?

Es kommt immer darauf an, wie die Kritik formuliert ist. Wenn es eine sachliche Kritik ist, dann kann ich damit gut umgehen. Kürzlich gab es eine Besprechung meines aktuellen Romans in der österreichischen Zeitung „Presse“. Das war eine sehr gemischte Kritik aber sie war großartig. Mein Buch wurde wirklich harsch kritisiert. Aber die Kritik war sehr sachlich und nachvollziehbar. Sie war nicht polemisch, sondern respektvoll und fundiert geschrieben. So etwas finde ich großartig. Und dann gibt es Kritiken, in denen mein Roman mit „paniertem Gemüse“ verglichen wird. Übrigens habe ich jahrelang nicht gewusst, was paniertes Gemüse überhaupt ist, bis ich es in „Meine Freundin Conny“ entdeckt habe.

 

Mit Kritiken konstruktiv umgehen zu können, erfordert sicherlich auch ein hohes Maß an Selbstreflexion, beziehungsweise die Fähigkeit seinen Selbstwert nicht zu sehr vom Außen abhängig zu machen. Das muss man sich ja bestimmt hart erarbeiten …

Der Großteil unseres Literaturstudiums bestand darin, dass man lernt, kritisiert zu werden, Kritik auszuhalten und richtige Kritik an anderen zu üben. Das sah dann so aus, dass ein eingereichter Text 45 Minuten lang von allen anderen kritisiert wurde und man selbst nichts dazu sagen durfte. Das war mit am Wertvollsten an dem Studium – wirklich zu verstehen, was eine gerechtfertigte Kritik ist und was Quatsch oder einfach nur persönlich ist. Oft verschwimmt das ja auch. Gute Verrisse können auf jeden Fall auch extrem unterhaltsam sein. Ein gutes Beispiel ist ein Verriss von Maxim Biller. Der war zwar bitterböse aber ein literarisches Meisterwerk.

 

Wann oder wo kommst du in einen Flow-Zustand, in dem die Worte nur so aus dir heraussprudeln? Oder ist eher umgekehrt – und jeder einzelne Satz ist akribische Arbeit?

Das wechselt sich eigentlich ab. Am Ende jedoch ist es immer akribische Arbeit, weil ich die Sätze zigmal umändere, bearbeite und lektoriere. Manchmal kommt wochenlang keine einzige gute Passage zustande und manchmal geht das Schreiben ganz schnell und ich schaffe zwei Seiten pro Tag.

 

Existenzängste kommen immer. Ich träume von einer Festanstellung, aber ich würde gerne so weitermachen wie bisher.

 

Du kannst schon lange vom Schreiben leben. Kommen da zwischendurch trotzdem hin und wieder Existenzängste auf?

Existenzängste kommen immer. Ich träume von einer Festanstellung, aber ich würde ganz gerne weitermachen wie bisher – nur mit einer Festanstellung im Rücken.

 

 

Welche Bücher liegen aktuell auf deinem Nachttisch?

Das Buch „Weiß“ von Han Kang. Das ist wirklich großartig. Der Debutroman von Verena Kessler und noch immer viel Fachliteratur über Mehrsprachigkeit.

 

Ich schätze, ich besitze zwischen 4000 und 5000 Bücher. Es macht mich einfach so glücklich, Bücher zu kaufen!

 

Wie viele Bücher besitzt du schätzungsweise?

Ich schätze zwischen 4000 und 5000. Es macht mich einfach so glücklich, Bücher zu kaufen und zu besitzen!

 

5000? Und die hast du alle gelesen?

In meinem gesamten Leben habe ich definitiv noch mehr gelesen. Aber das ist ja auch mein Beruf. Am liebsten tue ich nichts anderes, als den ganzen Tag lang zu lesen.

 

Was sind deine größten Buchschätze?

Ich habe zwei ganz alte Bücher über den Karabach-Konflikt, die man inzwischen gar nicht mehr bekommt, da sie nicht nachgedruckt werden. Meine Kinder wachsen mehrsprachig auf, deshalb habe ich ganz viele wundervolle russische Kinderbücher. Darunter ein Kinderbuch aus meiner Kindheit, das ich im Alter von sechs Jahren geliebt habe. Es geht um ein Kind und einen Hund, die zusammen aufwachsen. Es hat vier Jahre gedauert, bis ich es online gefunden habe. Und auch die Bücher von Jaroslaw  Hašek zählen zu meinen Schätzen – ich habe meine Eltern damals genötigt, seine gesammelten Werke mit nach Deutschland zu nehmen.

 

Hast du eine Lieblingsbuchhandlung in Berlin?

Ja, sogar mehrere: Die „Dante-Connection“ am Oranienburger Platz, die „Geistesblüten“ in Charlottenburg und „Kumulus“, eine Kinderbuchhandlung am Südstern.

 

 

Von wem hast du am meisten über dich und das Leben gelernt?

Wahrscheinlich von Tolstoi. Wenn man Bücher wie „Krieg und Frieden“ oder „Anna Karenina“ mehrmals liest, erfährt man viel über Menschen und deren Emotionen und begreift, dass man es noch so gut meinen kann, dass das Leben manchmal jedoch anders verläuft, als man es sich vorgestellt hat.

 

Welche Bücher möchtest du unseren Leser*innen abschließend gerne ans Herz legen?

Das Romandebüt „Die Gespenster von Demmin“ von Verena Kessler und „Unter Weißen“ von Mohammed Amjahid.

 

Interview: Lesley Sevriens

Fotos: Valeria Mitelman

 

LINKS:

Der verlorene Sohn

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Die juristische Unschärfe einer Ehe

Gott ist nicht schüchtern

Eure Heimat ist unser Albtraum

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.