Serotonin

Inhalt

Serotonin ist der Name eines Gewebehormons und Neurotransmitters, der sich neben vielen anderen Eigenschaften auch auf das Gemüt auswirkt und deshalb gerne vereinfachend als Glückshormon beschrieben wird. Ein „Glückshormon“ als Titel eines Romans von Houellebecq erscheint ebenso schräg wie sinnvoll, sind seine Charaktere doch meist komplett frustriert und am Ende. Nicht umsonst wird Houellebecqs Prosa schon mal mit dem „Schreiben der Depression“ gleichgesetzt. Insbesondere für die französischen Zeitungen, Radiosender und anderen Medien, ist das Erscheinen eines neuen Houellebecqs immer ein gefundenes Fressen. Nicht nur ist er einer der letzten französischen Großschriftsteller*innen mit der Statur, Diskurse auszulösen oder zu beeinflussen, er ist auch immer für einen Skandal gut, man denke nur an „Unterwerfung“ (Soumission), in dem der Autor ein islamisiertes Frankreich imaginiert – was ihm natürlich gleich den Ruf des rechten Populisten eingebracht hat.

Kritik und Sexismus, Houellebecqs ständige Begleiter

Kritische Stimmen (und nicht nur die) sehen in ihm daneben natürlich auch noch einen Sexisten, Frauenfeind, Rassisten und so weiter und so fort. Alles durchaus nachvollziehbar, alles in die Nutzung des Skandals von Seiten des Autors wohl mit eingepreist. Daneben steht Houellebecq damit in gewisser Weise in einer Tradition mit (unter gänzlich anderen Umständen natürlich) de Sade, Celine und anderen großartigen französischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen mit einer zu ihrer Zeit ungewöhnlichen und skandalösen Auffassung (de Sade) oder Gefolgschaft faschistoider Ideologien (Celine). Wie man persönlich dazu steht, ist natürlich jedem selbst überlassen, was man Houellebecq allerdings zugestehen muss, ist die Befähigung, den Puls der Zeit zu treffen. In Serotonin, spätestens im September 2018 endgültig fertiggestellt, taucht eine den Gelbwesten (Gilets Jaune) nicht unähnliche, allerdings etwas überspitzte Bewegung auf, obwohl diese zur Zeit der Entstehung des Romans noch überhaupt nicht aktiv waren.

Inhalt von Serotonin

Der Protagonist des Romans, ein gewisser Florent-Claude Labrouste, ist einer dieser typischen, kaputten Houellebecqschen Charaktere. Der Mann ist in der Mitte seines Lebens, er ist mittelmäßig erfolgreich und er ist am Ende, genauso wie die Welt und Frankreich um ihn herum. So ist zumindest seine Wahrnehmung. Um überhaupt klarzukommen, schluckt Labrouste ein Antidepressivum, das die Ausschüttung von Serotonin im Gehirn anregt. Das Ganze wickelt sich in der langsam abrollenden Abfolge des Niedergangs Labroustes, der aus einem Loft in Paris bis hin zu einer Wohnung in einem Hochhausblock abrutscht, wo er seinen Selbstmord plant und schließlich sogar sein geliebtes Auto verkauft, wie ein bitterböses Roadmovie (samt bewaffneten Milchbauern in der Normandie) des Abstiegs und der Verzweiflung ab, die den Protagonisten und die Leserschaft quer durch Nord-Frankreich führt.

Charakterstudie: Houellebecqs Engführung von Labrouste

Dabei konzentriert sich Houellebecq allerdings mehr auf den Protagonisten und ist weniger politisch, als in vielen seiner früheren Werke. Dazu kommen – natürlich – die von den treuen Fans erwarteten Ausfälle gegen Frauen, Schwule, Linke und die manchmal ein bisschen konstruiert wirkenden, sehr bildlichen Sex-Fantasie Beschreibungen, wie sie den treuen Houellebecq Fan seit „Elemtarteilchen“ in jedem Buch des Autors begleiten. Man hat schließlich einen Ruf zu verlieren, könnte man beinahe sagen, denn wirklich zentral für die erzählte Handlung oder den Überdruss und Ekel an unserer heutigen Zeit, welche der Protagonist empfindet, sind diese Eskapaden beileibe nicht.

Rezensionen zu Serotonin in den französischen und deutschen Medien

Houellebecq ist nach den Erfolgen seiner Werke heute sozusagen ein Blockbuster-Schriftsteller. Das zeigt sich auch an dem beinahe zeitgleichen Erscheinen des Romans in verschiedenen Sprachen. Allgemein einig sind sich die großen französischen Zeitungen darin, dass es sich um eines der literarisch besten Bücher des Autors handelt. Auch die Kritik an unserer Zeit und die Depression im Angesicht der Umstände scheinen weniger absolut, als in früheren Romanen. Dabei ist aber auch „Serotonin“ selbstverständlich alles andere, als ein positives Buch. Gerade für Liebhaberinnen und Liebhaber des eher schwarzen Humors finden sich auch in diesem Werk wieder satirische Perlen. Die deutschen Rezensionen sind ähnlich positiv wie die der französischen Presse, zusammen genommen stellen sie zudem sicher, dass dieser neue „Skandalroman“, der vielleicht gar keiner ist, wieder ein Bestseller wird. Seltener sind die negativen Stimmen, die es zu Houellebecq allerdings immer gegeben hat und wohl immer geben wird. Da sind zum einen Befürwortende einer sozusagen hygienischen Sprache, Weltsicht und Inhalten, eine Kritik, die nicht greift und eher auf die Kritiker und Kritikerinnen zurückfällt, außer man möchte eine politisch korrekte Sprache in die Literatur einführen, was so ziemlich das schlimmste wäre, was dieser passieren könnte.

Die schwere Frage nach dem Stil bei Houellebecq und Skandal als Marketing

Zum anderen sind da die kritischen Stimmen, die Houellebecq, abgesehen vom gekonnten Skandal, den nötigen Stil absprechen. Ein Vorwurf, der insbesondere in Frankreich schwer wiegt, wo man auf Stil – insbesondere bei Literatur, die geradezu zwanghaft Literatur sein will – doch deutlich stärker zu achten scheint, als bei uns. Dann wieder gibt es Kritisierende, die Houellebecq sicher nicht zu Unrecht vorwerfen, den Skandal als Marketinginstrument und Inhalt überzustrapazieren. Lesen tun diese die Bücher dann wohl trotzdem, immerhin will man sich ja in seiner eigenen Ansicht bestärkt fühlen.

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