Susanne Kaloff – die freie Journalistin und Autorin im Interview

 

“Angst ist nichts für Feiglinge” – Interview mit der Autorin Susanne Kaloff

 

Die freie Journalistin und Autorin Susanne Kaloff schreibt für Zeitschiften wie „Emotion“ und „Brigitte“ und ist seit neun Jahren Kolumnistin der „Grazia“. Zudem ist die in Hamburg lebende Bestsellerautorin. Im März ist ihr jüngstes Werk „Angst ist nichts für Feiglinge“ erschienen. Ein Buch, in dem sie, genau wie in „Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend“ persönliche und bitterernste Lebenserfahrungen und Einsichten auf ebenso unterhaltsame wie lockerleichte Art und Weise skizziert. Dabei gelingt ihr der Spagat zwischen „den-Ernst-des-Lebens-beleuchten“ und einen humorvollen und liebevollen Blick auf die Abgründe des Lebens zu werfen. Wir haben mit Susanne über die Kunst, Ängste als Lehrmeister statt als Feinde zu begreifen, über emotionales „Höschenrunterlassen“, über Selbstzweifel und Selbstliebe, sowie über prägende Autor*innen gesprochen.

 

Im März ist dein Buch „Angst ist nichts für Feiglinge“ erschienen. Darin schreibst du über die Panikattacken, die dich eines Tages aus heiterem Himmel heimgesucht haben. Wie muss man sich das, was in einem solchen Moment mit einem passiert, vorstellen?

Das ist ein ganzkörperliches Ereignis. Wie ein Kreislaufkollaps. Das fängt mit einer Unruhe an, mit Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Schwindel und Flimmern vor den Augen. Meine erste Panikattacke hatte ich, als ich mit zwölf Jahren gemeinsam mit meinem Vater im Theater war. Ich weiß noch, dass ich einfach nur raus aus dieser schrecklichen Situation wollte. So schnell wie einen so eine Attacke erfasst, so schnell ebbt sie dann aber auch wieder ab.

 

Du hast das damals ja wahrscheinlich überhaupt nicht einordnen können.

Nee, gar nicht. Und auch mein Umfeld nicht. Man dachte, ich habe einen schwachen Kreislauf oder schwache Nerven. In den Achtzigern wurde ja über solche Dinge wie mentale Gesundheit so gut wie gar nicht gesprochen. Das Wort „Angststörung“ gab es damals auch noch nicht – jedenfalls nicht in meiner Familie. Es hieß eher „Hast du das schon wieder?“ Oder „Meine Tante hatte das auch.“ Solche Themen wurden eher unter den Teppich gekehrt.

 

Kamen diese Panikattacken häufig vor?

Ja, die hatte ich zum Beispiel, wenn ich auf Klassenreise war oder bei einer Freundin übernachtet habe. Du weißt einfach nie, wann wieder eine kommt. Deshalb bist du die ganze Zeit in so einer Art Habachtstellung.

 

Kannst du rückblickend benennen, durch welches Ereignis diese Angstattacken losgetreten wurden?

Ja, das ist natürlich auch Themas meines Buches. Oft kommen solche Attacken, wenn sich dein Leben schlagartig verändert und wenn es einen wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Bei mir wurde das durch die Trennung meiner Eltern ausgelöst. Mein Vater ist ausgezogen und meine Mutter hatte einen neuen Freund, der bei uns eingezogen ist. Nichts war mehr so, wie es mal war. Das hat mich erschüttert.

Was haben dich deine Ängste rückblickend gelehrt?

Es war ein sehr langer Weg von dem „Es-bekämpfen-und-wegmachen-wollen“, bin hin zu der Erkenntnis, dass ich viel robuster bin, als ich gedacht habe. Das habe ich eigentlich erst mit Anfang 40 so richtig verstanden. Seitdem hatte ich keine Attacke mehr. Aber das ist natürlich jeweils ein sehr individueller Weg.

 

Ich habe meine Ängste nicht mehr als etwas Lästiges betrachtet, sondern eher als eine Art Robustierung.

 

Wie ist es dir gelungen, dich deinen Ängsten zu stellen und sie nicht als Feinde, sondern als Lehrmeister zu betrachten?

Als mein Mann und ich uns gerade getrennt hatten, bin ich mit meinem damals 13-järigen Sohn nach New York gereist. Ich hatte totale Angst vor dieser Reise, denn plötzlich war ich ganz auf mich alleine gestellt und mir war klar, dass ich meinem Teenager-Sohn meine Angst nicht zeigen konnte, da er ja selbst durch die Trennung gerade schon genug mitgemacht hatte. Zu merken, dass man das dann doch ganz gut schafft und klar kommt, war sehr befreiend für mich. Ich musste stark sein und das hat mir sehr gut getan. Ich habe gemerkt, es gibt ein Danach, es geht weiter. Ich habe mir natürlich auch Hilfe gesucht, habe Therapien gemacht, war bei einer Homöopathin und ich hatte Menschen, die mir geholfen haben. Die Angst war also nicht von heute auf morgen weg, aber ich habe gemerkt, wie stark ich bin und wie mir die Angst eben auch genau das zeigen will. Ich habe meine Ängste nicht mehr als etwas Lästiges betrachtet, sondern eher als eine Art Robustierung.

 

Mit welcher Motivation hast du das Buch verfasst? Wolltest du deine Erfahrungen mit anderen teilen, damit sie merken, dass sie mit ihren Ängsten und Panikattacken nicht alleine sind und um das Thema aus der Schwere und Dunkelheit herauszuholen?

Ja, genau. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren, in denen ich schreibend tätig bin, nicht einmal über das Thema geschrieben. Ich konnte das alles erst jetzt aufschreiben, da ich fast zehn Jahre lang keine Attacke mehr hatte. Außerdem ich habe immer häufiger mitbekommen, wie viele Leute mit dem Thema zu tun haben, auch jüngere. Deshalb dachte ich, dass es gut wäre, darüber zu schreiben. Unter anderem auch, weil meine Geschichte ja einen positiven Ausgang hat.

 

Ängste und Panikattacken haben nicht zuletzt auch aufgrund von Corona zugenommen. Der Titel deines Buches passt absurder Weise wie die Faust aufs Auge sehr zur aktuellen Weltlage …

Das Buch ist im März auf dem Höhepunkt von Corona erschienen. Wir leben in Zeiten, in denen enorm viel Druck herrscht – Leistungsdruck, Zukunftsängste, Klimakatastrophe. Und jetzt auch noch die Pandemie. Gerade in solchen unsicheren Zeiten brauchst du ein starkes Zentrum in dir, um klarzukommen. Deshalb ist die Nachfrage nach Spiritualität, Yoga und Meditation auch größer denn je.

 

Wenn man aus der Ich-Perspektive schreibt, tut man das nicht, weil man narzisstisch ist (zumindest nicht zwangsläufig), sondern man spricht aus, was ganz viele Leute denken und fühlen.

 

Wie leicht fällt es dir, dich in der Öffentlichkeit schwach zu zeigen und sozusagen emotional das Höschen runterzulassen?

Ich schreibe ja inzwischen schon seit 20 Jahren als Freie. Wenn man aus der Ich-Perspektive schreibt, tut man das nicht, weil man narzisstisch ist (zumindest nicht zwangsläufig), sondern man spricht aus, was ganz viele Leute denken und fühlen. Ich bin eigentlich nur Sprachrohr.

 

Wie waren die Reaktionen auf dein Buch?

Auf beide Bücher hin habe ich von meinen Leserinnen – es sind vor allem Frauen, die meine Texte und Bücher lesen, viele Nachrichten bekommen, in denen mir mitgeteilt wurde, dass ihnen die Lektüre sehr geholfen hat, da sie viele Jahre lang dachten, sie wären alleine mit dem Thema und der einzige schräge Vogel. Ich kann über die Themen ja nur deshalb so gut schreiben, weil ich sie selbst erlebt habe. Genau deshalb mag ich Selbstversuche auch so gerne, wie beispielweise ein Jahr lang keinen Alkohol zu trinken.

 

Neben deinen Büchern schreibst inzwischen auch seit neun Jahren eine Kolumne für die „Grazia“. Wie leicht fällt dir das wöchentliche Abliefern?

Das fällt mir leicht. Ich habe auch noch nie ausgesetzt, selbst dann nicht, wenn ich krank war. Für mich ist das Kolumnenschreiben wie einmal in der Woche Inventur zu machen, wie Tagebuchschreiben. Und da ich genau das bereits als Kind gemacht habe, ist das Beschreiben persönlicher Zustände und Erfahrungen etwas, das mir leicht fällt und sehr viel Freude bereitet.

 

Was würdest du beruflich tun, wenn du nicht schreiben würdest?     

Ich habe alle paar Monate eine kleine Krise in der ich mir sage, dass ich nie wieder schreiben will. Noch nicht mal eine SMS. Und dann träume ich davon, Floristin zu werden. Meine Mutter ist Floristin, deshalb kenne ich mich sehr gut mit Blumen aus. Ein anderer Traum ist es, einen kleinen Vintage-Laden mit Designer-Stücken zu eröffnen. Dort könnte ich ja dann theoretisch auch schreiben und das eine mit dem anderen verbinden.

 

 

Stimmt. Gibt es Autor*innen oder Werke, die dich besonders geprägt haben?

Ingeborg Bachmann mag ich wahnsinnig gerne. Außerdem zählt Joan Didion mittlerweile zu einer meiner Lieblingsautorinnen. Sie schreibt sehr persönlich, das hat jedoch nie etwas Obszönes oder Reißerisches.Ich liebe auch die Details in ihren Beschreibungen. Es gibt beispielweise eine Stelle in der sie sinngemäß schreibt: „Ich trug die Schuhe mit dem hohen Absatz und die Emaille-Ohrringe.“ Und dann fügt sie hinzu, dass sie diese trägt, weil sie weiß, dass sie sie schon bald nicht mehr tragen wird, weil sie zu alt dafür sein wird. Bei ihr geht es immer auch um Vergänglichkeit und Abschied.

 

Seit Jahren habe ich keinen Roman mehr gelesen. Ich muss erst wieder neu lernen, ohne Ziel und Optimierungsgedanken zu lesen.
 

Welche Bücher liegen derzeit auf deinem Nachttisch?

Gar keines. Ich kann nicht mehr lesen, zumindest keine Romane mehr. Über zwei Seiten komme ich nicht hinaus. Deshalb habe ich mich vor einigen Wochen bei Instagram abgemeldet – ich habe die Aufmerksamkeitsspanne einer Dreijährigen. Früher habe ich Romane verschlungen, unter anderem von Haruki Murakami. In den vergangenen Jahren habe ich ausschließlich Sachbücher – spirituelle Bücher, Selbsthilfe- oder Yogabücher gelesen, in denen man sich dauernd Notizen macht oder Seiten einknickt. Seit Jahren habe ich keinen Roman mehr gelesen. Ich muss erst wieder neu lernen, ohne Ziel und Optimierungsgedanken zu lesen. Ach doch, mir fällt gerade ein: Ich habe angefangen mit „Die Vielen und der Eine“, einer der verrücktesten und rasantesten Debütromane einer sehr jungen Autorin aus dem Jahre 1930: Ruth Landshoff-Yorck. Super Entdeckung und ein Geschenk meines Exmannes.

 

Apropos Ziele, gibt es ein bestimmtes Ziel, das du verfolgst?

Nein. Ich hatte noch nie im Leben ein Ziel. Ich habe nie gedacht, ich will unbedingt Schriftstellerin oder Mutter werden oder heiraten. Wer hätte ahnen können, dass ich mal Bücher schreibe? Ich habe ja noch nicht mal studiert.

 

Du hast zunächst als Stewardess gearbeitet und bist um die Welt gereist. Und dann?

Dann bin ich schwanger geworden und habe eine Frau kennengelernt, die zu dem Zeitpunkt bei der Zeitschrift „Allegra“ gearbeitet hat. Ihr habe ich erzählt, dass ich so gerne schreibe (und meinte damit meine Tagebücher). Daraufhin sollte ich dem Chefredakteur eine Textprobe zuschicken. Der Text hieß „Ein Flug nach Rio“. Der Text kam gut an und mir wurde gesagt, ich solle in der Redaktion vorbeikommen, ich könne dort anfangen. Die Festanstellung habe ich ausgeschlagen, da ich mehr Zeit für meinen damals dreijährigen Sohn haben wollte. Aber seitdem habe ich frei geschrieben.

 

Ich denke immer, da muss doch noch was anderes sein. Entweder man ist suchend oder man ist nicht suchend.

 

Aus deinen Kolumnen weiß ich, dass du dich besonders in den vergangenen Jahren sehr mit den Themen Persönlichkeitsentwicklung und spirituellem Wachstum beschäftigt hast? Woher rührt das Interesse, dich und deine Muster unter die Lupe zu nehmen?

Ich bin so auf die Welt gekommen – suchend und hinterfragend. Von klein auf schon. Ich habe immer alles beobachtet und hatte schon mit zwölf Jahren das Bedürfnis, alles aufzuschreiben. Wir sind ja nicht bloß auf die Welt gekommen, um zu essen, zu schlafen und zu arbeiten. Ich denke dann immer, da muss doch noch was anderes sein. Entweder man ist suchend oder man ist nicht suchend.

 

Bist du heute zufriedener mit dir als noch vor zehn Jahren?

Hättest du mich das vor sechs Monaten oder einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt: „Ja klar, auf jeden Fall bin ich heute zufriedener mit mir“. Das ist jedoch immer nur eine Momentaufnahme. Momentan stelle ich alles – das Leben und mich – massiv in Frage. Aber die gute Nachricht ist, dass es morgen schon wieder ganz anders sein kann. Dann habe ich plötzlich nicht mehr den geringsten Zweifel an mir und der Welt. Das alles ist einem stetigen Wandel unterworfen.

 

Welche Lektüre würdest du unseren Leser*innen abschließend gerne ans Herz legen?

Natürlich meine eigenen Bücher (lacht). Und ich finde Big Magic von Elizabeth Gilbert toll, vor allem für Menschen, die kreativ arbeiten. Es geht darin ums Durchhalten und darum zu bemerken, wenn Ideen an der Tür klopfen und sie dann hereinzulassen.

Eines meiner Lieblingsbücher und sehr ungewöhnlich ist von Leanne Shapton: Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harald Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck.

 

 

Fotos:

Brita Sönnichsen und  Hanna Schumi @ foxycheeks

Interview: Lesley Sevriens

 

 

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