Meine Berufung – Svea Imholze

Fotos by: Silje Paul

 

Ikigai – Svea Imholze – die mit dem goldenen Händchen

Schriftsteller.de Interview 

Im Japanischen gibt es das schöne Wort ‘Ikigai’, das so viel wie ‘Lebenssinn’ bedeutet. Im besten Fall schenkt einem der eigene Beruf Lebenssinn und wird somit zur Berufung – zur schicksalsmäßigen Bestimmung. Menschen und Berufe finden aus den unterschiedlichsten Beweggründen zusammen. Weil einem in der Vergangenheit dazu geraten wurde, eine bestimmte Lehre zu machen oder einen Studiengang zu belegen. Weil man dachte, es ließe sich ganz gutes Geld damit verdienen. Weil es sich über Umwege so ergeben hat. Oder aber weil man für eine Sache brennt. Es gibt Menschen, die begreifen ihre Arbeit tatsächlich als Ikigai. Als eine Berufung, die sie gegen kein Geld der Welt eintauschen würden. So wie die Hamburger Goldschmiedin Svea Imholze.

 

Wie sah eigentlich der erste Schmuck von Menschen aus? Waren das Tierzähne?

Ja, das waren Knochen, Steine, Federn und andere Dinge, die in der Natur gefunden wurden.

 

Es sind Verbindungen und Emotionen, die ein Schmuckstück zu etwas Besonderem machen.

 

Welche Funktion erfüllt Schmuck?

Schmuck gab es schon immer. Es ist ein Grundbedürfnis sich zu schmücken Schmuck kann Status ausdrücken, wie bei einem Indianerhäuptling, der das über seinen Kopfschmuck tut. Schmuck kann dabei helfen, Trauer oder Freude zum Ausdruck zu bringen. Oftmals sind es Verbindungen und Emotionen, die ein Schmuckstück zu etwas Besonderem machen. Wie der Ehering oder ein Erbstück, das ein schönes Andenken ist. Schmuck ist dann weit mehr als bloß ein Gegenstand.

 

 

Warum tragen Männer heutzutage eigentlich verhältnismäßig wenig Schmuck?

Ich finde es total toll, wenn Männer Schmuck tragen. Inzwischen geht der Trend dazu, dass auch Männer mehr Schmuck tragen. Bei ihnen verhält es sich allerdings anders als bei Frauen. Während Frauen gerne den Schmuck wechseln, ist es bei Männern meist so, dass sie ihre Schmuckstücke ständig tragen und dezente Stücke wählen. Im Vergleich zu anderen Kulturen sind die deutschen Männer jedoch recht zurückhaltend, was ich persönlich sehr schade finde.

 

Du hast zunächst an der Hochschule für angewandte Künste in Hildesheim Metallgestaltung studiert und anschließend hast du eine Ausbildung zur Goldschmiedin sowie zur Gold- und Silberschmiedemeisterin und staatlich geprüften Produktdesignerin gemacht. Erinnerst du dich noch daran, wann dir zum ersten Mal bewusst war, dass du als Goldschmiedin arbeiten möchtest?

Eigentlich war das gar nicht mein Plan. Ich wollte immer Modedesign studieren. Mir war klar: „Ich will was mit den Händen machen.“ Durch einen Praktikumsplatz bei einer Kunstschmiedin bin ich schließlich auf Schmuck gekommen. In ihrer Werkstatt habe ich ganz frei mit Metallen arbeiten können. Das Medium Metall hat mich sofort total fasziniert. Da war klar, dass es das ist, was ich machen möchte.

 

Warum machst du, was du machst?

Ich kann nicht anders, das Kreieren und das Erschaffen von Formen macht mir einfach Spaß. Und dass das, was ich erschaffe für irgendjemanden eine bestimmte Bedeutung erlangt, ist ein sehr schönes Gefühl.

 

Welcher Part erfüllt dich am meisten?

Ich arbeite nicht nach Plan, meine Sachen entstehen eher intuitive beim Machen. Das fügt sich irgendwie. Oft zerbreche ich mir den Kopf darüber, wie etwas zu dem werden kann, was es werden soll. Und wenn ich dann am Ende das Schmuckstück vor mir liegen habe, von dem gar nicht dachte, dass es so sein wird, das macht mir am meisten Spaß.

 

Wenn du am Ende also selbst überrascht von dem Ergebnis bist.

Ja, ganz genau!

 

 

Wie lange arbeitest du im Schnitt an einem Schmuckstück oder kannst du das gar nicht so sagen?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal habe ich sofort eine Idee und setze sie direkt um. Manchmal kann es aber auch Wochen oder Tage brauchen. Es liegt dann da herum und braucht seine Zeit.

 

Oftmals ist das, was wichtig scheint, nicht so wichtig. Der Reperaturschaum, der sich aufplustert aber eigentlich kein Gewicht hat, transportiert das für mich sehr gut.

 

Für deine Schmuckstücke verwendest du auch Alltagsmaterialien wie Reperaturschaum oder Plastik. Beschäftigst du dich bewusst mit dem Thema nachhaltige und auch fair gehandelte Materialien?

In meiner Meister-Abschlussarbeit zur staatlich geprüften Designerin hatten wir das Thema Juwelen. Da habe ich mir die Frage gestellt: „Was ist in unserer Gesellschaft eigentlich wichtig, was hat einen Wert?“ Oftmals ist das, was wichtig scheint, nicht so wichtig. Der Reperaturschaum, der sich aufplustert und ganz groß macht aber eigentlich gar kein Gewicht hat, transportiert das für mich sehr gut.

 

Machst du dir auch Gedanken über die Bezugsquellen deiner Metalle, beziehst du beispielsweise faires Gold oder Silber? Leider steht ja gerade die Schmuckbranche in der Tradition Menschen und deren wertvolle Ressourcen auszubeuten …

Das Gold, das ich verwende, ist auf jeden Fall fair und ökologisch abgebaut. Das ist mir sehr wichtig, vor allem beim Gold. Ich verwende Waschgold aus Finnland, das ohne den Einsatz von Chemikalien aus dem Fluss gewonnen wird. Und bei dem Silber verarbeite ich wieder, indem ich vieles einschmelze. Außerdem verwende ich recyceltes Silber aus der Scheideanstalt.

 

Mit meinen Arbeiten stelle ich auch die Wertigkeit in Frage. Das Gold scheint und protzt nicht so, sondern der Glanz liegt im Verborgenen.

 

Mit welchen Materialien arbeitest du am liebsten?

Am liebsten arbeite ich mit Silber. Die Oberflächen meiner Schmuckstücke sehen oft nicht aus wie Silber oder Gold, denn ich spiele ganz bewusst mit ihnen. Mich fasziniert an Silber, dass es da ein unglaublich breites Farbspektrum gibt. Es gibt unheimlich viele graue Nuancen, wenn es aufpoliert ist und kann sehr strahlen, wenn es gar nicht bearbeitet wird. Vor allem durch Oxidation entstehen spannende Farbübergänge. Vieles entsteht dann auch zu Zufall. Mit meinen Arbeiten stelle ich stets auch die Wertigkeit in Frage. Das Gold etwa scheint und protzt nicht so, sondern der Glanz liegt im Verborgenen.

 

 

Erfordert es viele Grundmaterialen, um ein eigenes Atelier zu haben. Ist das in der Anschaffung teuer und aufwendig?

Eigentlich bin ich, seitdem ich meine Ausbildung begonnen habe, dabei, meine Werkzeuge zusammenzusammeln. Anfangs hatte ich bei mir zu Hause einen Tisch, eine Säge, eine Feile, Zangen und etwas zum Löten. Schon mit den einfachsten Mitteln kann man viel machen und improvisieren, aber natürlich ermöglichen mehr Werkzeuge auch viel mehr und feinere Techniken.

 

Welche wichtigen Geräte besitzt du inzwischen?

Ich habe eine Ringweitenänderungsmaschine, diverse Kleinteile wie Fräser, Bohrer, eine Ringwiege und die unterschiedlichsten Hämmer. Eher größere Anschaffungen waren die Walze, um Bleche oder Drähte auf die gewünschte Materialstärke zu walzen, eine Ziehbank, um auch dicke Drähte vereinfacht ziehen zu können und die hydraulische Presse, um Bleche tiefzuziehen.

 

Worin liegt für dich der Reiz der Selbständigkeit?

Dass ich meine eigenen Ideen ganz unabhängig von anderen umsetzen kann.

 

Die Natur ist eine große Inspirationsquelle für meine Arbeiten.

 

Wie würdest du deinen Schmuck selbst mit wenigen Worten beschreiben?

Er ist floral, sehr zart und konstruiert und von großer Formsprache geprägt. Die Natur ist eine große Inspirationsquelle für meine Arbeiten.

 

Wie schwer ist es, mal ganz abgesehen von dem eigentlichen Materialwert, einen Wert für deine Arbeiten zu definieren?

In meiner Ausbildung zur Gold- und Silberschmiedemeisterin habe ich es zum Glück auch gelernt zu kalkulieren und das ganze Kaufmännische mitzubedenken.

 

 

Hast du das Gefühl, dass du mit deinem Atelier im Stadtteil St. Pauli genau richtig bist?

Ich fühle mich hier sehr wohl und wohne auch nicht sehr weit entfernt. Der doch etwas unkonventionelle Schmuck, den ich mache, passt hier ganz gut. Durch die etwas abgelegene Lage bin ich froh, über die Ruhe zum Arbeiten und die Zeit für persönliche Beratungen. Meinen Schmuck verkaufe ich viel über Ausstellungen, Messen oder Galerien, weshalb meine Kund*innen auch von weiter her anreisen.

 

 

Auf welche Fähigkeit bist du besonders stolz?

Auf meine Geduld und mein Durchhaltevermögen.

 

Was würdest du gerne besser können?

Ich könnte vielleicht ein bisschen strukturierter sein.

 

Was hast du zuletzt gelernt?

In der Coronazeit habe ich gelernt runterzukommen. Gerade als Selbstständige hat man ja gefühlt immer etwas zu tun, Corona hat mich da sehr geerdet. Vor Kurzem ist meine Oma verstorben. Dadurch habe ich das Loslassen noch mehr gelernt. Das Leben ist nicht planbar. Ich versuche das Leben auf mich zukommen lassen und darauf zu vertrauen, dass es irgendwie schon wird.

 

Meine Lebensphilosophie? Einfach machen, nicht zu viel drüber nachdenken und Dinge ausprobieren.

 

Hast du eine Lebensphilosophie?

Einfach machen, nicht zu viel drüber nachdenken und Dinge ausprobieren. Ich zweifle oft an dem, was ich mache. Egal. Trotzdem einfach machen. Wenn man was bei irgendwas scheitert, dann weiß man beim nächsten Mal, dass man es anders und besser macht.

 

 

Welches Buch (gerne zum Thema Schmuckhandwerk) kannst du empfehlen?

Das Buch Innovation oder Mimesis. Warum wir Schmuck tagen. von Barbara Schmidt. Das sind Kurzgeschichten, in denen unterschiedlichste Menschen über die Bedeutung von Schmuck erzählen.

 

LINKS:

https://www.instagram.com/sveaimholze.schmuck/

https://www.sveaimholze.com/

 

Interview: Lesley Sevriens

Fotos: Silje Paul

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