Der Zauberberg

Der junge Hans Castorp reist aus dem norddeutschen Flachland, aus dem er stammt, zu einer dreiwöchigen Lufterholungskur in ein Sanatorium in Davos. Dort oben ist schon sein Vetter Ziemßen, ein patenter Bursche mit gebrechlicher Gesundheit, und versucht so schnell es geht gesund zu werden. Castorp hingegen, nachdem er sich erst einmal ein bisschen eingelebt und erste Bekanntschaften geschlossen hat, beginnt eine gewisse Faszination für die eigene Krankheit zu entwickeln und setzt – so muss man das wohl sagen – alles daran, in „Behandlung“ zu bleiben. Geschickt stellt Mann durch die Auswahl des abgelegenen Sanatoriums einen Mikrokosmos her, indem er die bürgerliche Welt vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges seziert. Dabei spielen die geistesgeschichtlichen Tendenzen, wie sie in Settembrini – dem lebensbejahenden Intellektuellen mit liberal-progressiven Ansichten – und Naphta, einem beinahe nihilistisch wirkenden Antimodernen mit Hang zu radikalen Ansichten, angelegt werden, ebenso eine Rolle, wie das Mannsche Thema von bürgerlicher Existenz und Künstlerdasein. Eine erotische Femme fatale, die Hans Castorp verführt, darf natürlich auch nicht fehlen. Diese Clawdia Chauchat (man achte auf den Namen: Claw im englischen „Kralle“ und Chauchat, eine lautmalerische Abwandlung von „chaud chat“, französisch für „heiße Katze“) und das karnevalesk-orgiastische Fest verwandeln den „Zauberberg“ für einen Moment in den Blocksberg aus Goethes Faust. Wie bei Thomas Mann kaum anders zu erwarten, bekommen dabei alle Figuren, vielleicht einmal von dem Vetter abgesehen, ihr Fett weg. Die „Professoren“, die sich um das gesundheitliche Wohl der Gäste kümmern sollen, sind ziemlich geldgeile Säcke, der etwas blass bleibende Hans Castorp ist eine Art Opportunist, der es sich gemütlich im Sanatorium einrichtet, der später als Liebhaber der Clawdia Chauchat mit dieser ins Sanatorium zurückkehrende Mynheer Pepperkorn hingegen ist ein doch recht grell überzeichneter Lebemann, der mit seiner lauten, polternden Art und Lebensfreude tiefen Eindruck auf Hans Castorp macht. Überhaupt scheint dieser wie ein leeres Blatt, welches je nach dem jeweiligen Gegenüber die Ansichten wechselt.

Aus den drei Wochen werden schließlich sieben Jahre, wirklich krank ist der junge Mann nicht, aber man schreibt ihn als „Endgültigen“ ab, der sich ganz auf das Leben im Sanatorium eingeschossen hat. Sein Vetter hingegen kehrt nach einiger Zeit sehr krank zurück und verstirbt. Erst der Ausbruch des Ersten Weltkrieges bringt Bewegung in die erstarrte Welt des Zauberbergs (und damit in die bürgerliche Welt vor dieser historischen Zäsur) und die Leserschaft ahnt, dass diese dem Untergang geweiht ist. Hastig reisen die Gäste ab – dem Ereignis Krieg entgegenfiebernd und zumeist von diesem tief begeistert. Hans Castorp verschlägt es an die Westfront. Dort enden der Roman und der Weg des jungen Mannes beim Sturm auf eine französische Stellung, wobei unklar bleibt, was aus ihm wird, auch wenn man das Gefühl hat, dass dieser den Weltkrieg nicht überleben wird.

Fazit

Für viele ist „Der Zauberberg“ der stärkste Roman des Autors und jener, für den Thomas Mann den Nobelpreis hätte erhalten sollen. Die detaillierte Schilderung dieser moribunden bürgerlichen Gesellschaft auf dem Zauberberg, die in den Weltkrieg hineintreibt ist wirklich nicht nur ein Zeitdokument und ein wundervoll erzählter Stoff, bei dem die Ironie gegenüber den Nichtigkeiten der menschlichen Existenz geradezu aus den Seiten trieft, sondern auch eine meisterhaft konstruierte Situation, die es überhaupt erst erlaubt, ein derartiges Panorama zu zeichnen. Wie ein übergroßes Kammerspiel parodiert „Der Zauberberg“ den europäischen Bildungsroman. Denn Hans Castorp lernt viel – über Kunst, Philosophie, Erotik –, bleibt aber gleichzeitig auf der Stelle stehen, da entwickelt sich nichts, bis der Krieg ausbricht. Einen regelrechten Skandal lösten seinerzeit viele der auftretenden Figuren aus, in denen Zeitgenossen leicht wirkliche – mehr oder weniger berühmte – Personen erkennen konnten. So ist Mynheer Pepperkorn die Persiflage von Manns älterem Kollegen Gerhardt Hauptmann, für den Chef des Sanatoriums stand der Arzt einer Davoser Lungenheilanstalt Pate, in der die Frau Thomas Manns einige Zeit verbrachte, und auch die Gegenpole Settembrini und Naphta haben ihre Vorbilder. Was damals für eine interessierte und gut informierte Leserschaft sicher ein Plus an Komik war (auf Kosten der Porträtierten versteht sich), wird der Leserschaft heute eher durch Sekundärliteratur nähergebracht und tut an sich auch nichts zur Sache. Neben dem Gefühl, Klassiker seien irgendwie anspruchsvoll, langweilig und anstrengend zu lesen (was alles nicht stimmt, sondern meist ein leidiges Überbleibsel aus Schultagen darstellt), mag beim Zauberberg auch die schiere Länge abschrecken. Jedes Buch mit einer Länge von um die tausend Seiten ist immerhin wirklich auch „Arbeit“. Davon sollte man sich aber ebenso wenig abschrecken lassen, wie von der Vorstellung, dies sei nun „ernste“ Literatur. Diese Unterscheidung ist ohnehin eine bestenfalls fragwürdige, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal. Wer Ironie mag und sich für das Bürgertum des sehr späten 19. Jahrhunderts (oder des sehr frühen 20. Jahrhunderts, was zeitlich aber nicht inhaltlich korrekter wäre) interessiert, wird dieses Buch mögen – und herzlich viel zu lachen haben.

Schriftsteller.de Redaktion

Collagenbilder oben von:

fischerverlage.de/buch/der_zauberberg/9783596904167 & wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Thomas_Mann_1929.jpg

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