Über Lebenskunst

 

Dies ist eine Geschichte über meine Eltern, über die Liebe, den Verlust und den Tod. Sie handelt von Vergänglichkeit und Endlichkeit sowie von den Unzulänglichkeiten, Abgründen und Schönheiten des Lebens. Vor allem aber handelt die Geschichte von der Kunst, das Leben zu meistern.

 

Fotos by: René Fietzek

 

Der 8. Oktober 2011 ist der Tag, an dem meine Eltern ihren Sohn verloren. Ich erinnere mich noch genau an den Anruf meines Vaters. Dass er mich und nicht ich ihn anrief, kam quasi nie vor. Ich konnte mich jedenfalls nicht daran erinnern, ob und wann dies schon mal der Fall gewesen war. Allein diese Tatsache hätte mich stutzig machen müssen. Aber so etwas denkt man ja immer erst im Nachhinein. Seine Stimme hörte sich seltsam brüchig an, als er sagte, dass ich jetzt ganz stark sein müsse und mich hinsetzen solle. Verwirrt blieb ich stehen, starrte durch die gläserne Wand des Büroraumes und blickte auf meine Kolleg*innen, die vor ihren Rechnern saßen. „Dein Bruder ist tot,“ hörte ich meinen Vater schließlich sagen. Ich starrte weiterhin in Richtung Kolleg*innen, als hätte ich seine Worte nicht gehört. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war, dass die Aussage meines Vaters natürlich totaler Unsinn war, da ich ja erst vorgestern mit meinem Bruder telefoniert hatte. Er konnte dementsprechend gar nicht tot sein. Mein zweiter Gedanke war: ‚Welcher von beiden Brüdern, welcher?!’ Während ich ein leises Stoßgebet ins Universum stieß ‚Bitte lass es nicht meinen Zwillingsbruder sein, bitte nicht Sidney!’, hörte ich meinen Vater den Namen Dennis sagen. Mein älterer Bruder also.

 

Während der Zugfahrt kam ich mir immer wieder wie eine Schauspielerin vor. Wie eine Frau, die mich spielt und die versucht, angemessen zu reagieren, weil ihr Bruder gerade gestorben ist.

 

In weiß noch genau, dass ich unmittelbar, nachdem mein Vater den Namen Dennis usgesprochen hatte, eine enorme Erleichterung verspürte. Darüber, dass es nicht Sidney war, der gestorben war. Ein Gefühl, für das ich mich augenblicklich schämte. Eine knappe Stunde später, nachdem ich meinen noch lebenden Zwillingsbruder erreicht und die Sätze meines Vaters absurderweise beinahe eins zu eins am Telefon wiederholt hatte – wie eine Schauspielerin, die ihren Text sorgsam eingeübt hat – saß ich im Zug. Auf dem Weg ins Sauerland, zu meinen Eltern. Auch in den folgenden Stunden, während der Zugfahrt, kam ich mir immer wieder wie eine Schauspielerin vor. Wie eine Frau, die mich spielt und die versucht, angemessen zu reagieren, weil ihr Bruder gerade – auf noch ungeklärte Weise – gestorben ist. ‚Weinen, du musst jetzt weinen. Laut und schluchzend. Das ist realistisch und der Lage angemessen. Je lauter, verzweifelter und schmerzverzehrter, desto authentischer. Denn so was tut doch weh. So ein plötzlicher Verlust muss doch weh tun, furchtbar weh.’ Mir liefen Tränen über die Wangen. Doch laute Schluchzer und Klagelaute wollten mir nicht „gelingen“. Von einem auf den anderen Moment gab es in unserer Familie also ein Familienmitglied weniger. Auf einmal hatte ich nicht mehr zwei Brüder, sondern nur noch einen. Plötzlich war nichts mehr so, wie es mal war und gleichzeitig war natürlich alles wie immer. Die Züge fuhren (mit und ohne Verspätung), die Menschen aßen Wurstbrote und Käsestullen und die Schaffner machten Lautsprecherdurchsagen. Erst auf deutsch und dann auf englisch. Das Englische klang so deutsch, dass man es für eine Parodie hätte halten können. Kinder nörgelten oder mussten aufs Klo. Bäume, Wolken und Häuser huschten vorbei.

 

Am Anfang ist alles ganz abstrakt

exakt

beinahe so, als wäre nichts geschehen

als wäre gar nix los

 

wir können den Tod nicht sofort verstehen

der Schmerz wäre viel zu groß

 

Diese Zeilen habe ich einige Wochen nach dem Tod meines Bruders geschrieben, nun lese ich sie seit Jahren zum ersten Mal wieder. Ich stolpere über das Wort ‚sofort’. Als könnten wir den Tod jemals verstehen … Aber genau das muss ich zum damaligen Zeitpunkt naiver Weise angenommen, beziehungsweise gehofft haben.

 

Solange wir leben, wird der Tod ein Mysterium bleiben. Aber wir können versuchen zu ergründen, was der Tod mit uns (Über-)Lebenden macht.

 

Heute, beinahe neun Jahre später, denke ich vielmehr, dass wir lernen müssen, mit dem Wissen um die Existenz des Todes zu leben, statt zu versuchen, den Tod zu begreifen. Solange wir leben, wird der Tod ein Mysterium bleiben. Aber wir können versuchen zu ergründen, was der Tod mit uns (Über-)Lebenden macht.

 

Seit ich denken kann, haben sich meine Eltern beruflich und finanziell auf wundersame Weise durchs Leben manövriert, ganz ohne Masterplan und große finanzielle Rücklagen. Phasenweise haben sie sprichwörtlich von der Hand in den Mund gelebt. Einmal, mein Zwillingsbruder und ich müssen ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein, war unsere Haushaltskasse so leer, dass meine Eltern unser Sparschwein geknackt haben, um von dem bisschen Geld Lebensmittel kaufen zu können. Beide hatten ein paar Jahre lang eine Musikkneipe geführt, über der unsere Familie damals gewohnt hatte. In dieser Zeit fuhr mein Vater immer wieder durch die Gegend, um nach einem neuen Zuhause für uns zu suchen. Schließlich entdeckte er auf einer seiner Touren einen leerstehenden Bahnhof und verliebte sich schlagartig in das baufällige Objekt. Sämtliche Freunde meiner Eltern hielten sie für verrückt, als sie beschlossen, zusammen mit ihren drei Kindern in den heruntergekommenen Bahnhof (den sie für eine lächerlich geringe Summe erstanden hatten) zu ziehen. In den ersten Jahren gab es keine Heizung und ein ziemlich löchriges Dach. Gemütlich war es trotzdem. Wir heizten mit Kohle und Briketts, ein altes Ölfass diente als Küchentisch und ein sperriger Fahrkartenschrank diente als Raumtrenner zwischen Wohnzimmer und freistehender Badewanne.

 

Meine Eltern waren schon immer Meister der Improvisation und haben sich nie viel aus Materiellem gemacht.

 

Während mein Vater als autodidaktischer Künstler eigenwillige Objekte in seiner Werkstatt schuf, stets eine Hanfzigarette im Mundwinkel und Blues-, Jazz- oder Technomusik im Hintergrund, organisierte meine Mutter Ausstellungen und den kompletten Lebens- und Familienalltag. Später, als meine Brüder und ich ‚aus dem Gröbsten raus waren’, begann sie im Einkauf eines mittelständischen Unternehmens zu arbeiten und bestritt damit den Löwenanteil ihres gemeinsamen Lebensunterhaltes. Hinter jedem Künstler und „Genie“ steht bekanntermaßen eine mindestens genauso starke (und bis zum höchsten Maße aufopferungswillige) Frau. Meist reichte das Geld für unsere fünfköpfige Familie so gerade eben. Für Skiurlaube, Clubreisen und Neuwagen reichte es nicht, dafür aber für exotische Gerichte aus aller Welt. Sidney und ich liebten vor allem die asiatischen Gerichte, denen mein Vater lustige Fantasienamen wie „Bandit Ohrring“ gab. Und auch für Klassenfahrten und Kleidung, dank denen meine Brüder und ich nicht nur vor Kälte, sondern auch vor sozialer Ausgrenzung geschützt waren, reichte das Einkommen erstaunlicherweise immer. Wie genau sie das bewerkstelligt haben, ist mir rückblickend ein Rätsel. Aber meine Eltern waren schon immer Meister der Improvisation und haben sich nie viel aus Materiellem gemacht. Sie verstehen es auch heute noch, mit Wenigem zufrieden zu sein. Statt eine Versicherung nach der anderen abzuschließen, um für alle Eventualitäten des Lebens gerüstet zu sein, sind sie ziemlich gut im Hier und Jetzt verhaftet. Denn erstens kommt es eh anders und zweitens als man denkt. Vor allem der Tod kommt einfach so, ungefragt. Vor ihn schützt auch die versierteste Versicherung nicht.

 

 

Im Oktober 2011 ist mein Bruder vom Balkon gestürzt. Er ist aus dem fünften Stock seiner Wohnung hinab in die Tiefe gefallen und auf dem Asphaltboden der Prenzlauer Allee in Berlin aufgeschlagen.

 

Wunderbar sonderbar

empfindsame Naturen

wie er kämpfen und experimentieren

mit dem Leben und kommen dabei nicht ganz ohne

Blessuren

davon

manche fliegen

nach all dem Riskieren

Ausprobieren

Siegen

Bekriegen

und Lieben

einfach vom Balkon

 

Seitdem Dennis Mitte der Achtziger mit Jugendlichen aus ebenso wohlhabenden wie zerrütteten Familien in Kontakt gekommen war und mit ihnen seine ersten Drogenerfahrungen gemacht hatte, war mein Bruder von Rauschzuständen fasziniert. Er fing an, mit den unterschiedlichsten Drogen zu experimentieren – mit getrockneten Fliegenpilzen, mit selbstangebautem Marihuana, mit LSD, mit Kokain und mit klassischen Partydrogen wie Speed oder MDMA. Seine Adoleszenz ging mit der Hochphase der Technoära einher: Sven Väth, die ersten Mayday-Veranstaltungen und Love Parades, Underground Technopartys im Rein- und Ruhrgebiet. Später dann, ab den Nullerjahren, in Berlin. Gemeinsam mit Freunden legte er auf illegalen Partys in Tiefgaragen- und auf Raves auf. Das Leben: eine riesige, bewusstseinserweiternde Party. Quasi in letzter Sekunde hatte er sich dann gegen ein DJ-Dasein und für eine juristische Laufbahn, die er mit großem Ehrgeiz und mit Erfolg verfolgte, entschieden. Die Drogen jedoch blieben eine feste Konstante in seinem Leben. Zuletzt hatte er eine Vorliebe für obskure, auf dem Markt noch nicht erhältliche, unbekannte Designer-Drogen aus UK entwickelt. Diese Drogen waren so brandneu, dass sie weder getestet, noch offiziell verboten und von daher nur Freaks und Insidern ein Begriff waren.
Ich erinnere mich an einen E-Mail-Austausch, der Jahre vor seinem Tod stattgefunden hatte. In diesen E-Mails hatte er mir gestanden, dass er sich von Herzen wünsche, er könne ein für alle Mal die Finger von den Drogen lassen, vor allem von den täglichen Joints, ohne die er schon lange nicht mehr einschlafen konnte. Er schrieb, dass ihm die Kraft und der Wille dazu fehlten. Ich weiß noch, wie sehr mich seine ungewohnt ehrlichen Worte berührt hatten und wie ich versuchte, ihm Mut zu machen und ihn in seinem Wunsch zu bestärken, sich von seiner Drogensucht zu befreien. Letzten Endes waren die Drogen einflussreicher als sein Wille und meine Worte.

 

Ob sein Tod ein tragischer Unfall war, wissen wir bis heute nicht. Es wird für immer das Geheimnis meines Bruders bleiben.

 

Als er an diesem Abend des 8. Oktobers von seinem Balkon fiel, befand er sich vermutlich wieder in einem seiner gefährlichen Spezial-Rauschzustände. Ob sein Tod ein tragischer Unfall war oder aber der bewusst herbeigeführte Austritt aus dieser Welt und lang ersehnte Eintritt in eine neue Dimension, wissen wir bis heute nicht. Es wird für immer das Geheimnis meines Bruders bleiben. Alles was ich (heute) weiß, ist, dass er sehr einsam und zutiefst traurig gewesen sein muss.

 

Meine Eltern, seine Ex-Lebenspartnerinnen, seine beiden Söhne (zwei Menschen, in denen mein Bruder weitelebt), seine Freunde, mein Bruder und ich – jeder einzelne von uns hat auf seine ganz eigene Weise gelernt, mit diesem Verlust zu leben.

 

Dass es meinem Vater und meiner Mutter gelungen ist, an dieser Tragödie nicht zu zerbrechen, weder als Paar, noch als Individuum, davor habe ich sehr großen Respekt. Dass sie nach seinem tragischem Tod weder in eine Depression versunken, noch dem Alkohol verfallen sind (dem hatte mein Vater, der jahrzehntelang alkoholabhängig gewesen war, zum Glück bereits Jahre zuvor abgeschworen), noch eine Überängstlichkeit dem Leben gegenüber entwickelt haben, rechne ich ihnen hoch an. Dass meine Eltern sich von dem Schmerz nicht haben überwältigen lassen, grenzt für mich an ein kleines Wunder.

 

Kennengelernt haben sich mein Vater und meine Mutter 1970 im niederländischen Den Haag. In einem Antiquitätenladen, in dem mein Vater, ein gebürtiger Niederländer, arbeitete und in den meine damals 18-jährige Mutter eines Tages hereinspaziert kam. Mein Vater erinnert sich noch heute daran, dass sie einen ziemlich kurzen Rock trug, der den Blick auf ihre wohlgeformten Beine freigab und dass sie an einer mit Perlen verzierten Handtasche interessiert war. Bei beiden war es Liebe – oder besser gesagt Anziehung – auf den ersten Blick. Und so verabredeten sie sich heimlich für den kommenden Abend, so dass meine Großmutter, in deren Begleitung meine Mutter für zwei Wochen in die Niederlande gereist war, nichts davon mitbekam. Meine Mutter kam viel zu spät zum verabredeten Treffpunkt, so dass mein Vater, „um ein Haar gegangen wäre“, so erzählt er heute. Als sie schließlich doch noch um die Ecke bog, mit einer riesigen, Nana Mouskouri-artigen Brille auf der Nase und in einen voluminösen Fellmantel gehüllt, erkannte mein Vater sie zunächst kaum wieder. Sie gingen in eine Bar und landeten später in seiner Wohnung. Sie hörten Schallplatten, über die mein Vater fachsimpelte und schliefen noch in derselben Nacht miteinander. In den darauffolgenden Nächten trafen sie sich immer wieder. Jedes Mal heimlich, bis schließlich die Abreise meiner Mutter nahte.

 

Diese im Liebesrausch gefällte Entscheidung hatte zur Folge, dass meine Eltern wenige Zeit später von Interpol gesucht wurden.

 

In der Nacht vor ihrer geplanten Rückreise nach Deutschland heckten mein Eltern den „genialen“ Plan aus, dass meine Mutter einfach in den Niederlanden bleiben würde. Mit nichts mehr als ihrem Reisepass und der Kleidung, die sie an dem Abend trug, blieb sie bei diesem charismatischen Niederländer und hinterließ ihrer Mutter einen kryptischen Brief. Diese im Liebesrausch gefällte Entscheidung hatte zur Folge, dass meine Eltern wenige Zeit später von Interpol gesucht wurden, denn meine Mutter war minderjährig. Damals galt die Volljährigkeit erst im Alter von 21 Jahren. Es folgte eine filmreife Flucht quer durch die Niederlande und Belgien bis nach Hamburg. Auf ihren Stationen kamen meine Eltern bei verschiedenen Freunden und Bekannten unter, doch nach einigen Wochen wurden sie auf einer Tankstelle geschnappt. Wahrscheinlich hatte einer ihrer „Freunde“ sie verpfiffen. Meine Mutter wurde augenblicklich zu ihren besorgten und fassungslosen Eltern, die in einem kleinen Kaff im nordrheinwestfälischen Sauerland lebten, gebracht.

 

Zum Glück waren meine Eltern clever genug, einen Plan B auszuhecken – sonst gäbe es mich heute nicht und ich könnte ihre Geschichte nicht aufschreiben.

 

 

Zum Glück waren meine Eltern clever genug, einen Plan B auszuhecken (sonst gäbe es mich heute nicht und ich könnte ihre Geschichte nicht aufschreiben und euch von ihnen berichten). Mein Vater kannte ihre deutsche Anschrift und wusste demnach, wo er sie finden würde, sollten sie gefasst werden. Er lauerte ihr in der Dorfdisco „Lady’s Inn“ auf, denn er wusste, dass meine Mutter dort am Wochenende in Begleitung ihres Vaters, der sie seitdem wie ein Schießhund bewachte, hingehen würde. Es dauerte nur wenige Minuten, bis mein Vater und meine Mutter sich in dem Club begegneten. Mein Großvater hatte zu dem Zeitpunkt zum Glück keinen blassen Schimmer, wie mein Vater aussah. Ohne lange zu fackeln, trat meine Mutter erneut die Flucht mit ihm an. Gemeinsam fuhren meine Eltern zurück in die Niederlande und das Katz-und-Maus-Spiel begann von Vorne. Mit der Konsequenz, dass die Eltern meiner Mutter sich mit der Zeit geschlagen gaben und einsehen mussten, dass sie machtlos gegenüber den Gefühlen ihrer Tochter waren und gegenüber der Liebe, die sie für den zehn Jahre älteren Mann empfand. Es dauerte nicht lange, da wurde meine Mutter mit meinem Bruder Dennis schwanger. Meine Eltern einigten sich darauf, im Sauerland zu bleiben und ihren Sohn dort zur Welt zu bringen.

 

In dieser Zeit lebten meine Eltern in einer dürftigen kleinen Wohngemeinschaft, in der es noch nicht mal einen Kühlschrank gab. Leicht verderbliche Lebensmittel hingen sie einfach in einer Plastiktüte nach draußen. Abgebrannt  wie er war, nahm mein Vater jeden Job an, den er bekommen konnte und arbeitete als Gärtner, Blumenverkäufer (sehr passend für einen Holländer) und legte Nachtschichten in einer Fabrik ein. Meine Mutter arbeitete zwischenzeitlich als Kassiererin im Dorf-Supermarkt und irgendwie kamen sie über die Runden. Und statt ihr bescheidenes Einkommen für den Kauf „anständiger“ Möbel zu verwenden, legten sie sich lieber einen rotbraunen Cockerspaniel zu.

 

Sie hatten nicht viel – nur ihre gegenseitigen Liebe, einen Hund und meinen Bruder Dennis  im Bauch meiner Mutter. Im Grunde genommen waren sie also unendlich reich.

 

 

Sie hatten nicht viel – nur ihre gegenseitigen Liebe, einen Hund namens Mischa und ein kleines Wesen im Bauch meiner Mutter. Mein Bruder Dennis. Im Grunde genommen waren sie also unendlich reich.
Kurz darauf heirateten meine Eltern. In den folgenden Jahren gelang es ihnen, von der Wohnung in ein Mietshaus umzuziehen und erstaunlich viel Geld mit dem Handel von Antiquitäten zu verdienen. Mein Vater verlieh heruntergekommenen Möbeln einen Look, den man heute als Shabby Chic bezeichnet und erfand die abenteuerlichsten Geschichten über die Schränke und Truhen, die er am Straßenrand oder auf alten Bauernhöfen aufgesammelt hatte, um sie für ein Heidengeld weiterzukaufen. Zu diesem Zweck reiste mein Vater häufig durch die Gegend, stets auf der Suche nach alten Möbeln, die sich zu Geld machen ließen. Eines Nachts, mein Vater war kurz zuvor in den Niederlanden überfallen wollen und um mehrere Tausend D-Mark, die er in Bar bei sich getragen hatte, erleichtert worden, kam er früher als erwartet nach Hause. Er spürte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Es dauerte nicht lange, bis er herausfand, dass meine Mutter ihn wenige Stunden zuvor betrogen hatte. Mit einem guten Bekannten, einem Hausfreund meiner Eltern, der einige Jahre jünger war, als meine Mutter. Warum ich das hier erwähne? Weil dieser Ausrutscher meiner Mutter den personifizierte Sündenfall in meiner Familie darstellt. Weil er die Ehe meiner Eltern in zwei zeitliche Ebenen teilt, in eine vor dem Sündenfall und in eine danach.

 

Alkohol ist der denkbar schlechteste Freund und Helfer in schwierigen Lebensphasen.

 

Nach dem Fremdgang folgte eine Phase, in der sich meine Eltern heftig stritten und in der mein Vater seinen Kummer und seine Wut über diesen, wie er ihn nannte „Hochverrat“, in Alkohol ertrank. Doch der Alkohol milderte seine Wut und Enttäuschung natürlich nicht, sondern – im Gegenteil – er verstärkte beide Gefühle. Alkohol ist der denkbar schlechteste Freund und Helfer, den man sich in schwierigen Lebensphasen suchen kann. Mein Bruder Dennis muss zu dieser Zeit etwa sechs Jahre alt gewesen sein und ziemlich viel von ihren Streitereien mitbekommen haben. Ein Jahr später kamen mein Zwillingsbruder und ich zur Welt. Meine Mutter hatte sich immer eine kinderreiche Familie gewünscht. Wie sie zum damaligen Zeitpunkt nicht mit erneut schwanger geworden, hätte mein Vater sie höchstwahrscheinlich verlassen. Zumindest hat er das später oft zu uns gesagt.

 

 

Wie es meinen Eltern gelungen ist, nach all diesen schmerzhaften Erfahrungen zusammenzubleiben und auch heute noch, nach über vier Jahrzehnten Ehe, ein (nach eigener Aussage) regelmäßiges Sexleben und – neben den üblichen Nähe-Zankereien – jede Menge Spaß miteinander zu haben, ist mir ein Rätsel. Nach wie vor leben sie im tiefsten Sauerland. In einem ehemaligen, kunterbunt bemalten Bahnhof, der vom Keller bis zum Dachboden voller Kunstwerke ist, die mein Vater in den vergangenen Jahrzehnten als Autodidakt geschaffen hat. Die Fotografien, darunter sehr viele Aktporträts meiner Mutter, Installationen und Objekte, changieren zwischen Genie und Wahnsinn und zeugen davon, dass der Erschaffer und seine Muse (und rechte Hand) ein sehr bewegtes Leben geführt haben und noch heute führen.

An sonnigen, windstillen Tagen sonnt sich meine Mutter, geschützt von einem hohen Zaun, splitterfasernackt im Garten – manchmal schon im Februar. Mein Vater sitzt häufig nur wenige Meter entfernt in seiner Werkstatt. Tüftelnd, eine selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel, elektronische Musik im Hintergrund. Seit knapp zwei Jahrzehnten sammelt er antike Feuerzeuge und haucht ihnen, so wie damals den Möbeln, neues Leben ein. Was er, der Künstler, heute über seine Kunst denkt? „Ich habe für die Kunst gelebt, nicht von der Kunst.“

 

Je älter ich werde, desto häufiger denke ich, dass meine Eltern wahre (Über-)Lebenskünstler sind.

 


Je älter ich werde, desto häufiger denke ich, dass mein Vater und meine Mutter wahre (Über-)Lebenskünstler sind. Und genau diese Geisteshaltung, nämlich die Überzeugung, dass das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit all seinem Wahnsinn, all seinem Schmerz und mit all seiner Schönheit ein Geschenk ist, ist tief in mir verankert. Ebenso wie die Überzeugung, dass der Glaube an die eigenen Fähigkeiten den größten Reichtum darstellt.

 

Interview: Lesley Sevriens

Fotos: René Fietzek

 

 

Ein Kommentar

  • Nadine Antworten

    Ich bin zutiefst gerührt, berührt und fasziniert von Deiner Aufzeichnung, Danke Lesley es ist sehr intensiv das zu lesen!!!
    Ganz verbundene und liebe Grüße von Nadine

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.