Watten. Ein Nachlass.

Die knapp neunzig seitige Erzählung von Thomas Bernhard hat ihren Titel von einem abseits der alpenländischen Region weitgehend obskuren Kartenspiel, dem Watten. Die Erzählung beginnt mit dem Briefwechsel des Ich-Erzählers, einem ehemaligen Arzt aus sehr wohlhabender Familie, dessen Namen man allerdings nie erfährt, mit dem Mathematiker und Juristen F. Undt, der sich für die Resozialisierung von Straffälligen einsetzt und dem der Ich-Erzähler die nicht unerhebliche Summe von eineinhalb Millionen zur Verwendung für wohltätige Zwecke anbietet. Erstaunlich und doch verständlich wird diese Schenkung durch die dann folgende Selbstbetrachtung und Beschreibung des ehemaligen Arztes. Ehemals im Schloss des Vaters lebend, mit einer eigenen Praxis, in der er Arbeitskräfte einer Papierfabrik umsonst behandelt, was ihm den Zorn seiner Kollegschaft einbringt, wissenschaftliches Arbeiten, Morphium, schließlich die Schließung der Praxis und Entzug der Approbation. Der ehemalige Arzt zieht in eine Baracke der Papierfabrik, nicht aus Not, sondern weil er dies möchte und sucht Zuflucht im Watten und täglichen Spaziergängen in die „Schottergrube“.

Bernhards Figurenzeichnung des Arztes in Watten

Bernhard zeichnet in der Figur des ehemaligen Arztes so etwas wie die Vereinzelung, Vereinsamung und das Einbrechen des Unvorhergesehenen in ein ansonsten geregeltes Leben, wie es von jeder und jedem – mehr oder weniger – gespielt wird. Er erzählt, dass er nicht mehr in die Schottergrube geht, nicht mehr zur faulen Fichte, die am Weg liegt, auch nicht mehr zum Tümpel, was er manchmal getan hat, ein Umweg zwar, aber einer, den er gemacht hat, also Baracke, faule Fichte, Schottergrube, faule Fichte, Baracke (um den Stil Bernhards zumindest ansatzweise zu emulieren). Auch den Weg zum im Wald gelegenen Gasthaus, wo er sich mit dem Lehrer, dem Fuhrmann und dem Papierarbeiter jeden Mittwoch zum Watten getroffen hat, geht er nicht mehr. Der Papierarbeiter hat sich nämlich eines Tages im Wald verlaufen und aus unbekannten Gründen daselbst aufgehängt. Überhaupt, so erzählt der Ich-Erzähler, verliefe und verliere sich jeder schnell in diesem Wald, der als eine Art bedrohliche Metapher verstanden werden kann.

Der Einbruch des Zufalls in die Routine – Bernhards Konstruktion der Handlung

Was Bernhard, neben seinem kauzigen, vereinsamten Protagonisten, beschreibt, ist der Einbruch des Unvorhergesehenen in die Routine, die den Ich-Erzähler in diesem Fall noch weiter aus der Bahn wirft, als es die Schließung seiner Praxis und das Hadern mit seinem Dasein ohnehin schon getan hat. Dieser Mensch, der dem Leser und der Leserin da monologisierend gegenübertritt, ist am Ende. Da sind keine Illusionen und keine Wünsche mehr, ja, durch den Tod des Papierarbeiters sind sogar die beiden, aus Sicht des Protagonisten letzten möglichen Aktivitäten neben dem dahinvegetieren in der Baracke, unmöglich geworden: die täglichen Spaziergänge in die Schottergrube und das Watten am Mittwoch im Gasthaus. Die Erzählung wird der Leserschaft dabei von Bernhard als ein unsteter, sich mehr und mehr im Kreis drehender und sich in Wiederholungen ergehenden Monolog des Ich-Erzählers dargereicht, dessen Gegenüber der Leser und die Leserin sozusagen einnehmen. Die beinahe absolute Subjektivität – ausgenommen werden kann hier der kurze Briefwechsel mit F. Undt – dieses an einen “Stream of Consciousness” erinnernden Monologes tut ein Übriges, um die ironische Haltung dieser Erzählung zu verdeutlichen. Man hat durchaus Mitleid, aber man kann mitunter auch nicht anders als still in sich hinein lächeln, denn bei aller Ernsthaftigkeit, ja man möchte gar sagen Schwere des Inhalts ist diese Erzählung mit Ironie und Humor gespickt.

Gedanken zu Watten

In der Erzählung „Watten. Ein Nachlass.“ aus dem Jahr 1969 tritt einem Bernhard schon in seinem ganz eigenen, stilistisch vollendeten Prosastil entgegen, wie er bis in die späten Romane wie „Beton“ und „Holzfällen“ sein Markenzeichen bleibt. Ebenso der typisch bernhard’sche Humor, der keinen verschont, weder die Hauptfiguren seiner Werke, noch deren Gegenüber oder – in gewisser Weise – gar den Leser und die Leserin selbst, wenn diese sich mit den seltsamen und meist hochgebildeten, kauzigen und übertrieben vergeistigten Personen vergleichen, die Bernhards Bücher bevölkern. Dieser Witz, der ebenso durch Sprache und Wiederholung wie durch die Figurenzeichnung im Monolog entsteht, ist dabei aber nie aufdringlich oder gezwungen. Für Schenkelklopfer und Kalauer hat Bernhard wenig Sinn, kein Wunder bei seiner – vielleicht manchmal auch gespielten – Abneigung gegen alles Österreichische. Neben Opernball und Burgtheater (und Watten!) gehört dazu ja auch ein derber bis dreister, dummer bis unverschämter Humor, wie er bis heute in Publikationen wie der Kronen-Zeitung (so etwas wie die österreichische Bild-Zeitung) zelebriert wird. Darüber hat Bernhard übrigens auch mal ein Buch gemacht: die Kurzprosasammlung „Der Stimmenimmitator“.

Guter Einstieg ins Bernhardsche Werk

„Watten“ stellt durch die gut zu bewältigende Länge des Textes einen guten Einstieg in die Prosa Bernhards dar. Der Stil mag nicht allen liegen und wer an verwickelter Handlung und Spannung interessiert ist, lässt am Ende wohl besser die Hände von den Werken dieses Schriftstellers. Wer sich hingegen für Stil, Ironie und skurrile „Geistesmenschen“ erwärmen kann, wird Bernhards Werk ganz sicher ins Herz schließen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.