All in your head – Kreativität

Wenn für einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin die Zeilen aufs Papier fließen, wird es oft so empfunden, als wäre eine Tür, eine Verbindung zu einem Raum aufgegangen. Was also geschieht da im Kopf, woher kommt das Kreative? Ein Erklärungsversuch.

Ich wüsste keinen besseren Weg, den Zugang zu Kreativität besser zu beschreiben, als mit einem Diebstahl. Nur dass die Schreibenden nicht von dieser Welt klauen, sondern von einer anderen, verborgenen Dimension. Diese Kontiguität zweier Räume, durch welche wie durch eine Membran ein Austausch stattfindet, hat für mich am beeindruckendsten der Schriftsteller Murakami in seinem bemerkenswerten Werk „Kafka am Strand“ deutlich gemacht. Hier schreibt ein junges Mädchen nur für sich einen Song, der sie später ungewollt berühmt macht. In der Melodie ist etwas Unerklärliches, etwas, das den sonst simplen Song auf eine Weise mit Magie durchhaucht, die den Zuhörenden sofort ins Herz geht.

“Ich gehe in mein Zimmer und schaue mir die Noten von »Kafka am Strand« an, die Oshima mir ausgedruckt hat. Wie ich es vermutet habe, sind die meisten Tonfolgen sehr schlicht und in der Überleitung gibt es zwei äußerst komplizierte Akkorde. Ich setze mich ans Klavier im Lesesaal und schlage probeweise ein paar Töne an. Die Fingerposition ist ungeheuer schwierig. Obwohl ich mehrmals angestrengt versuche, meine Hände dazu zu bringen, diese Akkorde zu greifen, bringe ich anfangs nur Missklänge zustande. Ob in den Noten Druckfehler stecken? Oder das Klavier verstimmt ist? Aber nachdem ich die beiden Akkorde noch mehrmals konzentriert abgehört habe, bin ich überzeugt, dass in ihnen die Basis der Melodie von »Kafka am Strand« steckt. Diese beiden Akkorde sind es, die dem Lied jene Tiefe verleihen, die es von gewöhnlichen Schlagern unterscheidet. Wie ist Saeki-san nur auf diese ungewöhnlichen Akkorde gekommen?”

(Quelle: Kafka am Strand, Murakami)

Und wer von uns kennt das nicht in der Kunst: Auch wenn wir es uns nicht erklären können, berührt uns plötzlich ein Song, den wir im Vorbeigehen hören, oder bannt uns ein Bild, das wir zufällig entdecken, oder die ersten Zeilen eines Romans, schon wenige Sekunden nachdem wir ihn wahllos in der Buchhandlung aufgeschlagen haben. Die einzelnen Zutaten, haargenau seziert und medizinisch analysiert, liefern nie eine Erklärung für den Zauber des Erschaffenen. Darum wage ich auch, die Bedeutung des Wortes Kunstwerk in Frage zu stellen – aus meinem Empfinden müsste es eigentlich Kunstfindung heißen, denn genau hier liegt die wahre Muse der Meister*innen: Sie sind keine Baumeister*innen, keine Handwerkerenden, die ein (Kunst-)werk zusammenzimmern, sondern vielmehr Suchende. Ihre Herzen bergen eine magnetische Sehnsucht und sie basteln solange, bis etwas in ihrem Wirkungskreis, ihre Umlaufbahn gelangt und von ihnen angezogen wird. Und es Klick macht. Die Wörter, die Melodie, die Farbe oder Form einrastet. Und etwas, das vorher einfach nur ein Sammelsurium von Einzelteilen war, sich durch jene unerklärliche Zutat vollendet und auf einmal richtig ist.

Hier greife ich das vor, was in Murakamis Roman die Frage wie Saeki-San auf diese ungewöhnlichen Akkorde gekommen ist, beantwortet. Sie hat einen Traum. Oder einen traumähnlichen Zustand, in welchem sie von der „richtigen“ Welt eine Tür in eine andere, verborgene Dimension findet. In dieser wandelt sie herum und findet jenen unerklärlichen Akkord. Sie nimmt ihn mit, zerrt ihn durch die Membran, die beide Welten trennt, und verwendet ihn in ihrem Song. Ein Vorgang, den sie fast unbewusst, zumindest sehr unschuldig vollführt, eine Diebin, der man auf jeden Fall verzeihen muss.

Kafka am Strand – veröffentlicht 2002, 615 Seiten

Quelle: Google Suche bzw. Dumont

Und genau das ist meine Theorie der Kreativität: Es gibt dort irgendwo einen Raum, in dem alle Kunst des Universums schon vorhanden ist. Jedes geniale Bild, jede berührende Textzeile, jeder bewegende Song. Künstler können wir alle sein, aber nur jene manifestieren Kunst, welche sich – mithilfe ihres Herzens – einen Zugang zu jenem Raum verschaffen, eine Tür zu ihm öffnen, um sich dann eine Winzigkeit jener Magie in ihre Welt hinüber zu zerren und in ihrem Werke zu verbauen.

Betrachten wir unter dieser Annahme im speziellen den Schriftsteller und die Schriftstellerin. Er oder sie muss beim Schreiben zumindest immer einen Spalt zu jener Tür geöffnet haben, um eine Geschichte im Fluss zu halten. Oft hört man von Autor*innen, dass sich die Worte wie von selbst schreiben, dass die Charaktere zu eigenem Leben erwachen, dass die Schreibenden sogar selber Leser und Leserinnen ihres eigenen Romans seien, während sie ihn verfassten.

Sicher, es mag für Außenstehende ein wenig profan klingen, abenteuerlich sogar. Nüchtern betrachtet lässt sich sicher jede Kurzgeschichte, jeder Roman biographisch erklären, sind die Begebenheiten in ihnen nur gut recherchierte Fakten, die jemand in handwerklich gekonnt formulierte Sätze transkribiert hat, um sie dann eine Geschichte zu nennen. Doch wie erklären wir uns den Duft von Lavendel, den wir auf einmal riechen, wenn wir die ersten Zeilen eines Sommermärchens in der Provence beginnen? Wie das Stechen im Herz, wenn der Sohn der Hauptfigur des vor kurzem gelesenen Thrillers plötzlich überfahren wird? Wie macht es Sinn, dass wir fast den Fahrtwind zu spüren scheinen, als Thelma zu Louise rief „Die sollen uns nicht erwischen. […] Los, fahr weiter!“ und diese aufs Gas drückte?

Was heißt es also, als Schriftsteller*in kreativ zu sein, wie unterscheidet sich ein großes Werk, eine bewegende Geschichte von etwas Unlebendigem? Für mich ist das Geheimnis eine Tür, zu der es keinen Schlüssel gibt. Die Schreibenden selbst sind die Tür und sie sind auch der Raum hinter der Tür. Und ihre magnetischen Sehnsuchts-Herzen sind die alleinigen Wegweiser in jene Welten.

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