Die weiße Löwin – Ein Wallander Krimi

Die weiße Löwin (im schwedischen Original Den vita lejohinnan) ist der dritte Roman in der Serie mit der Hauptfigur des Kommissar Wallander. Diese umfasst mitsamt mehreren kürzeren Prosastücken zwölf Bände, von denen zwischen der Erstpublikation des ersten Bandes mit dem deutschen Titel „Der Mörder ohne Gesicht“ 1991 bis zum Jahr 2002 beinahe jährlich ein neuer Band herauskam. Als Nachzügler können die 2009 publizierte Novelle „Mord im Herbst“ und der 2013 veröffentlichte Roman „Der Feind im Schatten“ gelten. Insbesondere „Mord im Herbst“ unterscheidet sich durch die kürzere Form und die auf das Notwendigste abgespeckte Erzählhaltung. Neben dem bündig geführten Inhalt unterscheidet sich dieser Nachzügler auch stilistisch deutlich von anderen Wallander Prosastücken. „Die weiße Löwin“ soll hier insbesondere aufgrund der Verbindung mit Mankells wohl größter Liebe und Leidenschaft vorgestellt und herausgehoben werden – Afrika. Auch wenn die Konstruktion dieser Verbindung zwischen den politischen Nachwehen der Apartheid in Südafrika und der schwedischen Provinz unwahrscheinlicher kaum sein könnte, bleibt sie doch – so traurig dies auch ist – plausibel genug. Neben historischen Figuren, wie dem südafrikanischen Präsidenten de Klerk und Nelson Mandela, spielt insbesondere der 1918 gegründete burische Geheimbund Afrikaner Broederbond eine wichtige Rolle, der bis zum Ende der Apartheid verzweifelt versuchte, alle Entwicklungen zu mehr Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika zu behindern und zu vereiteln.

Inhalt des Romans „Die Weiße Löwin“

Im Frühjahr 1992 verschwindet eine Maklerin aus der kleinen südschwedischen Stadt Ystadt und wird schließlich von der Polizei erschossen in einem Brunnen gefunden. Wirkliche Fortschritte machen die Ermittlungen rund um die in der freikirchlichen Bewegung aktiven Frau aber nicht. Dann explodiert bei der Begehung eines Tatortes plötzlich das Nachbarhaus und die herbeieilenden Kriminaltechniker finden neben Sprengstoffspuren den Finger eines Schwarzen – alles andere als gewöhnlich in der ländlichen Umgebung von Ystad. Im Folgenden erfährt die Leserschaft durch das Wechseln in verschiedene Erzählperspektiven lange vor Wallander, was eigentlich vor sich geht und ist dem Kommissar meist gleich mehrere Schritte voraus. Der Schwarze mit fehlendem Finger sucht bei Wallander Unterschlupf und Schutz, wird aber von einem russischen Ex-KGB Offizier, der ihn zum Killer ausbilden sollte, entführt und ermordet. Es kommt zu einem für Mankells Verhältnisse richtig heftigen Showdown samt Feuergefecht, in dem Wallander einen Menschen erschießt, was ihn in tiefe Depressionen stürzt. Zudem verbrennt der Ex-KGB Mann bei lebendigem Leibe vor Wallanders Augen, nachdem er mit seinem Auto verunglückt. Die Auflösung des Geheimnisses und der Verbrechen findet in Südafrika statt – weit weg von dem wegen der Geschehnisse inzwischen krank geschriebenen Wallander.

Stil – Mankells klare Sprache und kantigen Figuren

Anders als in den zwei ersten Wallander Romanen wagt sich Mankell in „Die weiße Löwin“, der als einer der gelungensten Wallander-Romane gilt, an eine Erzählhaltung, die verschiedene Erzählperspektiven aufnimmt. Wallander tritt zwischendurch sogar als Ich-Erzähler auf, ein seltenes Ereignis. Dazu kommt die Durchbrechung von Linearität im Handlungsablauf. Insbesondere Rückblenden und eingeschobene Episoden, die in Südafrika spielen und die Geschehnisse um den Südafrikaner und den Ex-KGB Offizier erzählen, von denen die Leserschaft dann weiß, die Kommissar Wallander aber natürlich unbekannt sind und teils auch bleiben. Damit ist „Die weiße Löwin“ auch kein Buch, das seine Spannung von der Frage „Wer war es?“ erhält. Täter und Tathergang der Tötung sowie das im fernen Südafrika geplante Komplott sind der Leserschaft, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, relativ früh bekannt. Es sind hier eher die Charaktere und ihre inneren Konflikte sowie die generelle (und natürliche) Überforderung der Polizei einer Kleinstadt, sich einer solchen internationalen Affäre gewachsen zu zeigen, die den Lesestoff so faszinierend machen.

Das Einbrechen der Welt in die Idylle der Provinz – eine Grundkonstante der Wallander-Romane

Wie in anderen, späteren Wallander Romanen, „Die Brandmauer“ mag hier als geeignetes Beispiel dienen, wird so auch das Einbrechen der weiten Welt in die vordergründig häufig idyllische Wirklichkeit des kleinstädtisch-ländlichen Südschwedens thematisiert. Dies wünscht sich dort verständlicherweise niemand, aber nichts kann die immer engere Verflechtung der weiten Welt da draußen, eben auch mit der südschwedischen Provinz, verhindern. Dies greift auch Gewissheiten an und führt, wie dies in einigen Wallander-Romanen auch thematisiert wird, zu Fremdenfeindlichkeit und einem generellen Misstrauen gegenüber allem Fremden. So gesehen bietet die Wallander Serie auch eine Analyse des damals schon um sich greifenden aber erst heute voll ausbrechenden Populismus, was vielen der Wallander-Romane in der heutigen gesellschaftlichen Realität zu einer neuen Aktualität verhilft. Vor allem aber geht es Mankell nie um Verurteilung, sondern er versucht sich diesen Problemen sehr menschlich zu nähern und sie durch das Erzählen zu verstehen.

Filme und Hörbücher – Adaptionen von „Die weiße Löwin“

Die Werke kaum eines anderen schwedischen Schriftstellers oder einer anderen schwedischen Schriftstellerin wurden so oft verfilmt, wie die Wallander-Romane. Allein von „Die weiße Löwin“ gibt es 2 Verfilmungen, eine mit Rolf Lassgård und eine mit Kenneth Brannagh als Kommissar Wallander, sowie mehrere Adaptionen als Hörbuch, sowohl als gekürzte Hörspielfassung wie als Audiobook. Je nach Adaption wird die Handlung dabei mehr oder weniger abgewandelt, um sie an das jeweilige Medium und die zur Verfügung stehende Erzähldauer, die insbesondere bei filmischen Umsetzungen durch viele verschiedene Einschränkungen und Konventionen begrenzt ist, anzupassen. Das Buch hat gegenüber allen Adaptionen den großen Vorteil mehr Kontext und geschichtlichen Hintergrund zu bieten und den inneren Konflikt der handelnden Personen durch die Einnahme der Ich-Perspektive durch den Autor an entscheidenden Stellen der Erzählung besser darstellen zu können.

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