Pnin

Der 1957 beim amerikanischen Verlagshaus Heinemann publizierte Roman Pnin ist der vierte, den Nabokov in englischer Sprache verfasste. Vor Veröffentlichung in Buchform waren mehrere der in sich abgeschlossenen Kapitel als Kurzgeschichten oder Vorabdrücke im New Yorker zu lesen, da Nabokov dringend Geld brauchte. Anders als der skandalumwitterte Roman „Lolita“, der Nabokov durch die kontroversen Besprechungen, Verbote und Gerichtsverfahren zu internationaler Bekanntheit verhalf, ist Pnin ein geradezu harmloses Buch. Trotzdem trug Pnin zu Nabokovs Ansehen im US-amerikanischen Literaturbetrieb mehr bei als der Bestseller „Lolita“. Auch heute noch überzeugt der Roman mit seinem ungewöhnlichen, episodenhaften Aufbau und der gekonnten, zirkulären Erzählweise, bei der am Ende, im letzten Kapitel, der Anfang wieder aufgenommen wird und eigentlich erst der notwendige Hintergrund und Kontext zu dem Erzähler N. klar wird, aus dessen Sicht Pnins Leben aus einer ungewöhnlichen und beinahe unheimlichen Nähe erzählt wird.

Professor Pnin – ein komischer Kauz

Der liebenswerte, leicht vertrottelte, durchaus tragische und vom Pech verfolgte Protagonist Timofei Pavlowitsch Pnin ist vielleicht die denkwürdigste Gestalt im erzählerischen Universum Nabokovs. Er arbeitet in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als Professor für russische Sprache und Literatur am fiktiven Waindell College. Für seine Kurse interessiert sich mitten im Kalten Krieg und der McCarthy-Ära aber selbstverständlich so gut wie niemand. Damit nicht genug, Pnin ist auch ein Entwurzelter, einer, der kein Zuhause findet, einer, der gegen die Windmühlen kämpft, die ihm das Leben immer wieder in den Weg wirft. Ein moderner Don Quixotte also in gewisser Weise, allerdings einer, der vom Erzähler im Gegensatz zu Cervantes und seinem Don Quixotte geradezu liebenswürdig behandelt wird.

Pnins Leben und Parallelen zu Nabokovs Biographie

Pnin flieht – wie Nabokovs Familie – aus Russland vor den Bolschewiken. Wenig später flieht er dann aus seinem ersten Exil in Prag vor den Nazis nach Paris, flieht aus Paris, seinem zweiten Exil, in die USA, wo er zwar zur Ruhe aber nie wirklich ganz ankommt. Auf der Überfahrt nach New York läuft ihm zu allem Überfluss auch noch die Frau weg und schnappt sich einen der anderen Passagiere. Die neue Welt nimmt ihn, den Verlassenen und Vertriebenen, zwar auf und bietet ihm ein Leben und Einkommen als Professor am Waindell College, aber er findet sich in dieser nicht zurecht. Die Kultur der USA, in die sich Pnin einfügen müsste, zeichnet sich für Pnin vor allem durch die Abwesenheit jeglicher Kultur aus und so bleibt er ein Fremder, ein Außenstehender und Leidender. Dieser Blick auf die aus der kolonialen Geschichte Europas entstandenen USA, die Europa gleichzeitig kulturell so ähnlich sind und doch seltsam fremd bleiben, die Europäer und Europäerinnen verwirren und sie voller Unverständnis auf ihr Gegenüber hinter dem Atlantik blicken lassen, ist bei aller gegenseitigen Anerkennung und Sehnsucht eine Konstante in der europäischen Auseinandersetzung mit den USA. Heute ist es Trump, den man nicht so ganz versteht oder ernst nehmen kann, in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts war es die Konsumgesellschaft, in der Zwischenkriegszeit die Automatisierung und Kommerzialisierung aller Lebensabläufe. Zwar ist dies nur ein Aspekt, der in Nabokovs Roman eine Rolle spielt, allerdings ist es einer, der nach wie vor von nicht geringer Bedeutung und Aktualität ist.

Aufbau und Inhalt des Romans Pnin

Anders als ein klassischer Roman wird Nabokovs Pnin in sieben in sich abgeschlossenen Episoden erzählt, die je ein Kapitel des Romans ausmachen. Zudem wird das Leben und Erleben des Protagonisten nicht in einer durchgehenden Zeitabfolge erzählt, sondern beginnt mittendrin, mit Pnin, der im Zug von Waindell nach Cremona fährt, wo er eine Gastvorlesung halten soll. Während der Fahrt ist er obsessiv mit der eigenen Angst beschäftigt, die Aufzeichnungen für seine Vorlesung zu verlieren, bemerkt, dass er in den falschen Zug eingestiegen ist, steigt aus und versucht einen Bus zu nehmen, nur um festzustellen, dass er scheinbar sein Gepäck vergessen hat, woraufhin er in Ohnmacht fällt. In Cremona angekommen hat er eine Vision seiner toten Eltern und alten Freunde aus dem Russland vor der Revolution, die er im Publikum zu sehen meint. Diese Anfälle und Visionen seiner Vergangenheit sind wiederkehrende Motive der Erzählung. In den folgenden fünf Kapiteln erlebt die Leserschaft Pnin als Untermieter, als Hausherr, mit seiner Ex-Frau, die ihn um Geld angeht, mit Viktor, dem Sohn seiner Ex-Frau, für den er trotz allem väterliche Gefühle hegt und mit anderen Exil-Russen.

Der Erzähler N.

Im siebten und abschließenden Kapitel wird schließlich die Identität des Erzählers N. gelüftet, bei dem es sich um einen alten Bekannten handelt, einen gewissen Vladimir Vladimirowitsch, kurz V.V. handelt. V.V. war schon mit Pnins Vater bekannt, hatte eine Affäre mit Pnins Ex-Frau kurz vor deren Hochzeit und behandelt Pnin ganz allgemein von oben herab. Gleichzeitig widerspricht er sich bei vielen der von ihm selbst erzählten Gegebenheiten rund um Pnin. Dieser V.V. wird – natürlich – zum Vorgesetzten von Pnin am Waindell College, das dieser daraufhin umgehend zusammen mit einem herumstreunenden, herrenlosen Hund verlässt. Der Roman endet mit dem Dekan der Fakultät für englische Sprache am Waindell College, der V.V. die Geschichte erzählt, wie Pnin seiner Zeit die falschen Aufzeichnungen für eine Gastvorlesung in Cremona mit sich genommen hat.

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